17.02.2005
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Anton Vierzehns Abenteuer
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Heddernheim hat viel zu bieten, aber bisher noch kein Nationalepos, so was wie Goethes Faust, aber eben nur für Heddernheim. Versuchen wir es also mit
Motto:
Erkenne dich selbst
(Orakel von Delphi)
Anton Vierzehns Abenteuer
Wie alles kam
Etwas verschämt gab mir ein flüchtiger Bekannter eine Diskette. Er habe da was geschrieben, nur so, du weißt ja... "Ja was denn, sag´s doch". Nun ja, sagte er, eine Art Roman, einen Krimi. Zufrieden sei er nicht damit. Auf keinen Fall dürfte ich die Sache mit seinem Namen in Verbindung bringen. Ein paar der Figuren seien so deutlich dargestellt, dass er mit Reaktionen rechne. Eine Passage sei nicht jugendfrei. Ob ich über den Text noch mal drüber gehen könne?
"Nun ja, ich gucks mir mal an", sagte ich. Aber was dann? "Mach einfach was", sagte er. Er habe andere Probleme. Nicht direkt, dass er Dreck am Stecken habe, aber man sei dabei, ihm auf die Schliche zu kommen. Man habe seine Schwäche aufgedeckt. Er könne keine Weihnachtsplätzchen um sich haben. Wenn er eines esse, gebe es kein Halten mehr. Er gehöre, was Plätzchen betrifft, zu einer Risikogruppe. Es gebe da so einen mit Mandeln überbackenen, karamellisierten Plombenzieher, dem er einfach nicht standhalten könne. Sein Arbeitgeber umgebe ihn aber, wenn die Tage kürzer würden, mit Plätzchen.
Er versuche, an was anderes zu denken, neutrale Arbeiten zu erledigen, und dann stoße er auf Plätzchen. Ja er habe welche genommen und sei erwischt worden. Seine Frau habe gesagt, er solle keine nach hause bringen, und dann habe sie mehr gegessen als er selbst. Kerzen könne er auch keine mehr sehen. Egal wie viel Kartons mit Kerzen er auf Vorrat halte, immer gerate gegen Weihnachten jemand in Panik, weil angeblich zu wenig Kerzen da seien. Dann wieder seien die Kerzen nicht dick genug. Hoch aufgerichtet mussten sie stehen. Wenn sie halb neidergebrannt seien, gälten sie schon als Stummel. Bei solchen Erektionsansprüchen könne er nicht mithalten. Vor allem in der Adventszeit gebe es immer jemanden, der noch größere, noch schönere Kerzen wolle. Für bestimmte Anlässe kämen nur bestimmte Farben in Frage, aber nirgends stehe das geschrieben. Nur an dem unweigerlichen "Aber wie sieht denn das aus" merke er, dass er wieder etwas falsch gemacht habe.
Und gegen Weihnachtsbäume habe er eine Allergie entwickelt. Na ja, und denn der Anfangsverdacht wegen der Plätzchen. Dann murmelte er noch etwas von Mundraub und dass ihn keiner verstehe und wollte gehen.
Der Mann tat mir leid, und ich nahm die Diskette. Auf dem Etikett stand durchgestrichen "Roman" und zwei mal durchgestrichen "Krimi Entwurf" und dann noch kräftig, fast zornig durchgestrichen "Steuern 2003". Ich druckte den Text aus und fand, dass ich ihn unter der Hand an ein paar Leute weitergeben könne. Die schlimmsten Passagen habe ich entschärft, sodass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen zufällig sind.
Im Dschungel des 11.11.
Anton Vierzehn betrat Punkt 12.54 das Revier. Lieber fünf Minuten zu früh als eine zu spät, war seine Devise. "Was Besonderes", fragte er den Kollegen. "Nö, das Übliche". Er überflog das Dienstbuch: Schlüssel gefunden, ein Schwarzfahrer, ein Banküberfall in der Heddernheimer Landsstraße. Nun ja, dachte er. Aber da lag noch ein Zettel drin: "Römische Götterstatue aus Heddernheimer Vereinshaus gestohlen. Etwa zehn Minuten nach Elf, vielleicht eine Minute später." Dann stand da noch "Jokus". Was das heiße, fragte er den Kollegen. "So heißt dieser Gott", sagte der Kollege. A 14 fragte noch nach Spuren, aber der Kollege schüttelte wie verständnislos den Kopf, öffnete eine Akte und sah sie so eindringlich an, dass A14 sich nicht getraute weiter zu fragen.
In seiner vorigen Dienststelle in Hüttengesäß lagen solche Zettel nicht im Wachbuch. Da wurde säuberlich alles eingetragen. Seit er an das 14. Revier in der Nordweststadt versetzt worden war, wurde sein Ordnungssinn ständig auf die Probe gestellt. Aber er würde denen hier schon zeigen wo er Hammer hängt, dachte er und trug den Vorfall säuberlich ein: "11. November 2003", schrieb er. Was sollte denn das heißen, "etwa zehn Minuten nach Elf, vielleicht eine Minute später." Konnten die nicht rechnen? Er schrieb: "Um 11.11 Uhr wurde aus dem Heddernheimer Vereinshaus die Statue des römischen Gottes Jokus entwendet. Zeugen sind nicht bekannt. Offenbar hatte der Täter einen Schlüssel zu besagtem Vereinshaus, denn weder Türen noch Fenster waren aufgebrochen". Endlich hatte er mal einen richtigen Fall!
A14 nahm seinen Spurensicherungskoffer und fuhr in Zivil mit seinem Privatauto los. Ging das nun am diesem Bunker links oder rechts? Er fragte einen Mann, der gerade Blätter zusammenkehrte. "Erst fahr se da vorbei, wo de Karl-Heinz und die Christel warn, wo jetzt der Italiener is. Dann könne se links fahrn, aber auch rechts", sagte der. "Wenn sie links farn, farn se gradaus. Den Schnaps-Walther lassese rechts liche, dann an de Schul vorbei, un dann da, wos neulich die Karambolasch gegebben hat, fahrns se rechte.. ne, noch besser, sie farn weiter gradaus, und dann rechts - ach so, des dürfe se ja nett. Also Sie halte sich rechts. Wenn Sie aber jetzt gleich rechts farn, dann farn se bis zur Gemaapumb...". "Ja danke, ich versuch´s einfach", sagte A14 und fuhr geradeaus. Zwei Ecken weiter ging ein Kind mit einer Laterne über die Straße. Kinder mit Laterne lässt man vor, dachte er. Dann kam noch eines, dann eine ganzer Kindergarten. Oder waren es mehrere? In das Laternenlied mischte sich ein Martinshorn irgendwo in der Ferne. Von hinten hörte er Blasmusik und Trommeln. Jetzt hatte er wenigstens Zeit in den Stadtplan zu gucken.
Als der Laternenzug vorbei war, fuhr er bei der nächsten Gelegenheit rechts, wo ihn aber ein Spielmannszug aufhielt, denn die Pfeifer und Trommler trennten sie. Er erkannte hinter den Zuschauern die Kollegen vom Revier, die den Verkehr regelten. Fragen konnte er sie nicht. Nach Plan müsste er jetzt in diese Bendelgasse einbiegen, aber als er dort war, konnte er nur den Kopf schütteln. Da kam kaum ein Fahrrad durch. Hier hat wohl jeder Mülleimer einen eigenen Namen, dachte A14. Er fuhr auf Verdacht weiter und kam auf einmal an die Stelle, an der er den laubkehrenden Mann gefragt hatte. In Büchern über den Dschungel hatte er gelesen, dass Verirrte nach Tagen erschöpfenden Wanderns an eine Stelle gekommen waren, wo die mittlerweile von wilden Tieren zerstreuten Reste ihres eigenen Lagerfeuers herumlagen. Er parkte den Wagen und ging zu Fuß weiter. Kein Wunder, dass das Heddernheim hieß, wenn man sich da so leicht verhedderte.
Er war noch nicht lange gelaufen, da hörte er einen scharfen Knall. Wo war er denn, im Amazonasbecken oder in Bagdad, fragte er sich. Er ging etwas schneller in die Richtung, aus der der Knall gekommen war. Ein paar Maskierte standen vor einem Haus, um sie herum lag alles voller Konfetti. An dem Haus stand "Vereinshaus". Na also, sagte er sich, hat also doch geklappt. Da alle Türen offen waren, ging er hinein, ohne sonderliche Aufmerksamkeit zu erregen. Es roch nach Tabak und Glühwein, und seine Brille beschlug sich sofort. Über den Flur laufend, wischte er sie am Ärmel ab. Er hatte sie gerade wieder aufgesetzt, als er am Eingang eines großen Saales von einer Lachsalve empfangen wurde. Er duckte sich unwillkürlich, obwohl das Gelächter sicher nicht ihm galt. Er sah sofort, dass er seinen Spurensicherungskoffer hätte im Revier lassen können. Wenn die Diebe Spuren hinterlassen haben, dann waren sie vom Glühwein weggeschwemmt, von Hemdsärmeln weggewischt, zertreten. Da immer noch niemand auf ihn achtete, sah er sich unauffällig um. Jeder hier konnte ja der Täter sein.
Gerade sprach ein Mann, der offenbar das Gelächter ausgelöst hatte. "Sehr gut, Adölfche", rief ihm eine Frau zu. Aha, nun hatte er schon einen Namen, den er im Dienstcomputer überprüfen konnte. Er merkte ihn sich, denn Notizen konnte er nicht machen, ohne allzu sehr aufzufallen. Jetzt war dieser Adölfche zu Ende und ging zur Theke. A14 ging ebenfalls zur Theke und stellte sich, als hätte er das immer schon vorgehabt, neben Adölfche. Adölfche trank Gespritzten. A14 war im Dienst und bestellte eine Limo. Die Frau hinter der Theke vergewisserte sich, ob sie richtig gehört hatte, und gab ihm mit mitleidigem Blick eine Limo. Beim Zahlen bat A14 um eine Quittung. Aus eigener Tasche wollte er die Zeche nicht bezahlen. Schon als er die Limo bestellt hatte schien es ihm um ihn herum etwas stiller geworden zu sein, jetzt aber sprach um ihn herum niemand mehr, bis eine Frau auf einmal schrill lachte und ein ganze Tisch mit einfiel. Die Frau hinter der Theke hatte keinen Quittungsblock. Er würde wohl einen Ersatzbeleg schreiben müssen, dachte er, und die sah man im Amt nicht gerne.
A14 merkte, wie ihn Adölfche interessiert ansah. Das war ihm unangenehm. Aber gut, er musste sowieso herausbekommen, was sein Nachname war. "Gut geredet, Herr, Herr...", sagte er. Er nannte einen Namen, der aber im Lärm unterging. "Des brauche se sich aber net zu merke. Heut bin ich für alle das Adölfche", sagte der Andere, "und Sie?". "Vierzehn", sagte er "Anton Vierzehn". Seinen richtigen Namen durfte er natürlich nicht nennen, und etwas anderes fiel ihm gerade nicht ein. " Anton Vierzehn" hatten ihn die Kollegen getauft, weil sie ihn als den Jüngsten im Revier dauernd in die Antoninusstraße schickten und er sich dort zu oft mit "Vierzehntes Revier" vorgestellt hatte. Aus "Anton Vierzehn" war dann "A14" geworden.
A14 überlegte, wie er das Gespräch auf diesen Gott Lokus oder Pokus bringen konnte, als er wieder einen lauten Knall hörte. Er wollte schon losstürzen und gucken, was los war, als ihm eine Schar Leute entgegenkam, die über und über mit Konfetti bestreut waren. "Also mein Lieber", sagte Adölfche, den der Knall nicht aus der Ruhe gebracht hatte,"in Hedderm trinkt mer heut kei Limo, wenn mer net muss", und lud ihn zu einem Bier ein. A14 guckte auf die Uhr. Zehn vor acht. Um acht war sein Dienst zu Ende. Diese zehn Minuten musste er noch durchhalten.
Er brachte das Gespräch durch geschickte Überleitung auf römische Funde. Vielleicht rutschte jemandem etwas heraus über diesen Gott. Stattdessen redeten sie alle gleichzeitig über Scherben und Schnallen, die sie beim Ausschachten und Wurzelausgraben gefunden hatten. Ein paar riefen dazwischen, dass sie beim Autobahnbau mitgeholfen und antike Keramik erbeutet hatten. Jemand hatte beim Trockenlegen seines Kellers einen halben Helm gefunden. Wo war er denn hier eigentlich hingeraten. "Seid ihr so ein Hobbyverein, so Altertumsgräber, so Arch... "fragte er. Wieder redeten alle auf einmal. Namen von Vereinen schwirrten um ihn herum, und einer, denn alle mit Dietmar anredeten, zeichnete ihm auf einem Bierdeckel, der jetzt samt Bier vor ihm stand, eine Art Pyramide, die die Vereine darstellen sollte. Eine Ingeborg drehte dann den Deckeln um und zog zwischen den vereinen Querlinien, die bedeuten sollten, wie diese Vereine untereinander verbandelt waren. A14 nahm einen tiefen Schluck.
Vor dem Haus spielten Piccoloflöten und Trommeln, und kurz darauf kam der Spielmannszug mit seinen blau-weißen Uniformen hinein und besetzte den Ausschank. Der Obertrommler, noch mit einer Bärenfallmütze auf dem Kopf, bestellte eine Runde Bier, und da A14 nicht geistesgegenwärtig genug war, um nein zu sagen, zählte er ihn einfach mit, so dass a bald einen neuen Kumpen vor sich stehen hatte. Jemand hielt eine Rede, von der er nur den von ständigem Zuprosten begleiteten Beifall mitbekam. Es war so heiß, dass er sich gerne zu einem weiteren Glas Bier überreden ließ.
Am nächsten Morgen wachte er mit einem Brummschädel auf, und beim Kaffeekochen fiel ihm ein, dass er seinen Spurensicherungskoffer in diesem Vereinshaus vergessen hatte. Hätte nicht passieren dürfen! Wie hieß dieser Verein noch gleich? Hoffentlich hatte er seien Dienstausweis noch. Er griff in die Tasche, zog aber den Bierdeckel mit dem Vereinsschema heraus. Die Ober- und Untervereine waren mit "Kol.", "Käw", Fidna" usw bezeichnet, etwas kleiner stand "Angl." und rechts "Bürg." Ganz oben stand "V-Ring", was ihm schon gestern etwas verdächtig vorgekommen war. Auf der Rückseite war das Schema mit den Querverbindungen und abgekürzte Namen: Pon., Lu., Mei., Aum.. Richtig, das war dieser Aumensch, mit dem er gestern auch gesprochen hatte, Aumaier oder so. Dann waren da noch ein paar Striche ohne Zusammenhang. Oh, das waren wohl die Biere von gestern abend. Alles in Allem war dieser Bierdeckel ein Beweisstück, kein Zweifel. Aber zu den Amtsakten wollte er ihn erst mal nicht nehmen, und er legte ihn in seine Schublade.
Er schaffte er es gerade noch pünktlich zum Dienst. Genau genommen war es schon eine Minute nach sieben. Beim Anziehen musste er überall Konfetti wegblasen. Es steckte in den Ärmeln, Kragen und Aufschlägen. Als er, endlich im Revier angekommen, sich den Schweiß von der Stirn wischen wollte, kam aus seinem Taschentuch ein kleiner Konfettiregen hervor, den er schamhaft aufsammelte. Dann macht er sich daran, den Spurensicherungskoffer zurückzuerobern. In der Ausbildung hatte er gelernt, dass man bei Fahndungen manchmal als erstes ins Internet gucken sollte. Im Präsidium gab es Kollegen, die den ganzen Tag am Gerät saßen. Im Suchprogramm gab er "Heddernheim" ein. Na bitte, hat ja auf Anhieb geklappt. Er klickte etwas herum und stieß auf ein "Heddernheimer Mitternachtsläuten" und irgendwas von einem Zahlendreher von 00.14.00 und 14.00.00, und dann noch 00.11.11 Uhr und dann, dass ein "Pfarrer und Hausmeister in eilig übergezogenen Morgenröcken in fahlem Licht im Kirchturm herumgeistern". Nein, das war es nicht.
Dann klickte auf die Startseite zurück und dort auf "Vereine". Huch, das ging ja von "Akkordeonorchester" bis "Zuggemeinschaft". Was zu viel ist, ist zu viel, dachte er. Blieb ihm also nichts übrig, als zu diesem Büro zu gehen, das die Seite organisierte. Die müssten ja eigentlich durchblicken.
Gegen Mittag kam eine Frau und wollte einen gefundenen Koffer abgeben. "Das ist so was wie ein Schminkkoffer, ich hab kurz reingeguckt", sagte sie, "sicher nicht viel wert, aber vielleicht meldet sich ja jemand." Es war sein Spurensicherungskoffer, aber mit einem Aufkleber... versehen und ziemlich schmutzig. "Wo haben Sie den den gefunden", fragte A14 . Die Frau sagte, er habe neben der Bushaltestelle zwischen Bunker und Kleingärten gelegen. Jetzt dämmerte es ihm. Er hätte gestern Abend wirklich weniger trinken sollen. Da war er also zum dritten Mal an dieser Haltestelle gewesen! A14 wurde fast unheimlich. Nur gut, dass er gerade Dienst hatte, als die Frau gekommen war.
Der Mittelpunkt der Welt
Ein Mann mit einem Bärtchen saß am Computer. Er sah kurz auf, als A14 hereinkam, sagte "Moment bitte" und murmelte: "Na, warum willste denn jetzt auf einmal nicht?... Ach so... na nun komm schon! Na bitte, es geht doch!", eben was man so zu seinem Computer sagt. "Ich hab Sie nicht vergessen", rief er über den Bildschirm weg, klickte noch ein paar Mal mit der Maus und sagte dann: "So, da bin ich, also was kann ich für Sie tun?" "Ja, ich wollte mich mal umhören, ich bin neu in Frankfurt..." "Na ja Frankfurt", sagte der Mann, immer noch die Hand an der Maus, "Mit denen sind wir verlinkt... gab am Anfang ein paar Schwierigkeiten, aber das ist jetzt o.k. Sehn Sie mal.", und er klickte ein Feld an, "das ist der Entwurf zu unserer Unabhängigkeitserklärung.
Bisschen was ist noch zu regeln. Das 14. Revier könnte man zum Heddernheimer Polizeipräsidium machen und die U-Bahnstation Heddernheim müsste dann richtig Hauptbahnhof Heddernheim heißen. Und dann Heddernheim-Nord, Heddernheim-West usw., wenn sich der RMV nicht querstellt. Den Friedhof machen wir zum Hauptfriedhof, natürlich dann mit eigener Friedhofsverwaltung. Und wo ein Hauptfriedhof ist, muss es ja auch einen Nebenfriedhof geben, wie denken da an eine zentrale Lage, z.B. die Grünfläche an der U-Bahn, Verzeihung: beim Hauptbahnhof. An diesem Ostfriedhof wäre die Verkehrsanbindung gut, eine Toilette ist schon da, und eine Kapelle könnte man daran anbauen. An den Hauptfriedhof muss eine Lärmschutzwand; wenn da drei LKWs von außerhalb entlangbrettern und noch ein Krankenwagen mit Tatütata, ist das ja Störung der Totenruhe. Leider hammse uns das Postamt zugemacht, da hätten wir zwei, drei gelbe Postautos in den Hof gestellt und ein schönes Hauptpostamt gehabt.
Und Sie sollen mal sehen, wie schnell wir dann unser Heimatmuseum haben.
Opernhaus brauchen wir keines, wir machen unsere Musik sowieso selbst. Theater haben wir auch. Ein Gericht brauchen wir auch nicht. Daran verdienen ja nur die Anwälte. Wir regeln das einfach so. Und wenn’s wirklich sein muss, räumen wir schnell den Vereinssaal leer und schon ist der Gerichtssaal fertig. Das kriegen wir alles hin.
Die unten in Frankfurt haben noch auf den Bäumen gesessen, da war hier schon eine römische Stadt. Sehn Sie", und er tippte mit dem kleinen Finger auf den Bildschirm, "das ist alles schon auf der Festplatte. Der Ortsbeirat wird zum Magistrat. Wir wollen natürlich keinen Krach mit den Frankfurtern. Lieber so was wie einen gemeinsamen Sektempfang zu Neujahr oder im Sommer ein Freundschaftsspiel mit Trikottausch." "Ich muss hier weg, ehe der sein Büro zum Regierungssitz ausruft", dachte A14. Er wolle sich schon um den Posten des Polizeipräsidenten bewerben, aber da hätte er sich outen müssen, und er wollte die Fahndung nicht gefährden. "Das hört sich ja an, als ob Heddernheim der Mittelpunkt der Welt ist", sagte A14. "Schaun Sie", sagte der Mann mit dem Bärtchen und nahm einen kleinen Globus, der sonst als Bleistiftspitzer diente, "Wenn hier Heddernheim ist (seine Fingerspitze bedeckte ganz Europa) und Sie ziehen von hier aus eine Kurve, wo Sie wollen, rund um die ganze Welt bis wieder zurück, und dann noch eine und so weiter, sind alle Kurven gleich lang. Der Punkt, von dem aus alle Linien gleich lang sind, ist doch der Mittelpunkt, oder?" A14 zog es vor sich zu verabschieden.
Nun war es später geworden, als er gedacht hatte. A14 beschloss, sich rasch was in einer Bäckerei zu kaufen. Im Schaufenster hing ein Mundartgedicht, von dem er im Vorbeigehen nur die Zeile "Unser Sprach is blummereich" las. Er hatte an etwas Salziges gedacht, aber was er in der Bäckerei an Süßem sah, was allzu verführerisch. Die Kringel und Kipferl vor ihm sahen lecker aus, die Pralinen daneben waren gewiss nicht zu verachten, aber die Nusstorte links davon erweckte in ihm das Bedürfnis, hinter die Theke zu rennen und nach Kräften zuzubeißen. Er zwang sich, das Brot anzugucken. Ja, so was brauchte er zum Abendessen, was Solides! Musste ausgerechnet in diesem Moment die Bäckersfrau zu einem Kunden sagen: "Ach, Sie können sich das doch leisten!" und ihn zu Linzer Torte verführen?
Jetzt stierte er die Nusstorte erst recht an. Wie hielt die Bäckersfrau es nur den ganzen Tag in diesem Laden aus ohne ständig zu naschen? Wahrscheinlich tat sie´s heimlich, wenn niemand sonst da war. "Was darfs sein?", fragte eine jüngere Verkäuferin, die gerade ein Gespräch über Spagettisauce beendet hatte. A14 bestellte ein halbes Vollkornbrötchen. "Noch etwas?" "Ach ja", sagte A14, "und von dieser Torte da noch ein klitzekleines Stück". Wenn er sich nicht täuschte, lag in dem Blick der beiden Frauen etwas Triumphales.
A14 aß das Brötchen und nahm sich vor, das Tortenstück erst zu Hause anzuknabbern. Dann ging er ein paar Mal am Bunker auf und ab, und als er merkte, dass niemand guckte, leuchtete er mir seiner Taschenlampe in einen Hof. Tatsächlich, zwischen ein paar palmenähnlichen Pflanzen stand eine Statue. Schön war die aber nicht. Römische Statuen waren schön, die hier war exotisch, dunkel, mit Geschöpfen auf ihrem breiten Schoß, die er nicht erkannte, auf jeden Fall mehr Urwald als Tempel. Jetzt hörte er von gegenüber einen langen, gesungenen Ton von einer Frauenstimme, der plötzlich abbrach. A14 machte die Taschenlampe aus. Ehe er hier noch auf Elefantenspieße und Kopfjägerschalen stieß, wollte er lieber seinen Gott mit der glatten Haut und den ebenmäßigen Gliedern suchen.
"Der Mensch ist nur ein Sandkorn im Kosmos"
Er hatte sich nach Frankfurt versetzen lassen, weil er mal die Großstadt erleben wollte, und nun war er doch wieder in einem Dorf gelandet. Es gab sogar einen Dorfplatz, der aber städtischer aussah als der ganze Rest. Wen fragt man, wenn man im Dorf was wissen will? Richtig, den Pfarrer! Den Kirchturm sah er schon. An dem Gebäude gegenüber stand "Gemeindehaus". Ach ja, da war er doch beinahe in diese Steinigung geraten. Ein Mann war gerade damit beschäftigt, Müll in verschiedene Container zu sortieren. "Sehen Sie", sagte der Mann, als er A14 mit fragendem Gesicht neben ihm stehen sah, "Das ist der Müll vom Kindergarten, in sich gut sortiert, die Kinder sollen das ja lernen, aber dann Alles in einen großen Sack getan und irgendwo reingeschmissen. Das hier ist der Müll vom Pfarrer,- ist schon viel besser geworden mit dem Sortieren. Die trinken gerne Chianti, daran sehe ich, dass es der Müll vom Pfarrer ist. Aber sehn Sie hier: Kapieren die nicht, dass leere Congnacflaschen kein Restmüll sind? Fenster offen lassen, Licht anlassen und dann einmal im Jahr über die Bewahrung der Schöpfung reden. Es ist zum Verrücktwerden." Der Mann griff in den Papiermüll, holte eine Broschüre raus und sagte: "Hier haben Sie was zum Lesen. Ist auch ein Artikel von mir drin." "Sagen Sie, kann ich irgendwo den Pfarrer sprechen?", fragte A14 . "Wie haben zwei", sagte der Müllsortierer, "einen kleinen dicken und einen großen dürren. Einer müsste gerade im Büro sein". A14 ging in das Gemeindebüro.
An einem Tisch saß ein kleiner dicker Mann, der einen Stoß Akten bearbeitete. Hinter einem Bildschirm saß eine Frau, die mit einer Hand die Maus bediente, mit der anderen telefonierte und ihn beim Eintreten fragend ansah. "Einen Moment", sagte sie ins Telefon und dann, zu A14 gewandt: "Was kann ich für Sie tun". "Äh..., es geht um einen Gott..." sagte A14 . Bei "Gott" schob der Mann den Aktenstoß beiseite und sagte: "Wenn Sie ein persönliches Gespräch suchen, müssen wir einen Termin vereinbaren." "Nein, nein", sagte A14 , Es ist ein Götterbild, ein Gott aus Gips sozusagen, was Römisches." Jetzt fiel ihm schon wieder der Name des Gottes nicht ein, dieser Müllwerker hatte ihn ganz durcheinander gebracht. "Da wenden Sie sich am besten an unseren Hausmeister, der müsste gerade draußen sein. Der kennt sich in den Katakomben am besten aus", sagte der Mann, während er die Akten wieder zu sich hinzog, und wies mit dem Daumen nach unten. Katakomben? Das waren doch Grüfte, aus denen man nicht zurückkehrte! Und Daumen nach unten bedeutete doch bei den Römern auch so was! Nein, ehe er sich von diesem Müllsortierer in dunklen Kellern zu Biomüll verarbeiten ließ, suchte er lieber das Weite. Er murmelte etwas von "vielen Dank" und ging raus. Vom Vorraum aus sah er durch die Glastür den Müllsortierer immer noch an den Containern herumwerkeln. Lieber wartete er ab, bis der weg war. Noch so ein Gespräch, und er wäre reif für die Versetzung in die Müllverbrennungsanlage, deren Schornstein mit bemaltem Drachen er vom Revier aus sehen konnte. Er guckte sich die Plakate im Vorraum an. "Zu Beginn der fünften Jahreszeit veranstalten wir eine Olympiade im Teebeutelwerfen..." Seltsames Völkchen, dachte A14 , vielleicht führen die auch Regentänze auf?
Jetzt war der Müllsortierer mit einer Biotonne beschäftigt und drehte ihm den Rücken zu. Möglichst unauffällig verließ A14 das Gemeindehaus und überquerte die Straße. Aus der Kirche gegenüber trat gerade ein Mann, der groß und dünn war. Kaum war er aus der Tür, schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn und ging wieder in die Kirche. Das musste der andere Pfarrer sein. Aber zu dem in die Kirche gehen und so einfach nach seinem Gipsgott fragen, kam A14 doch etwas komisch vor.
Zurück im Revier, warf A14 einen Blick in das Blättchen, das der Müllsortierer ihm gegeben hatte. "Die Wände in Basiles Schusterladen in der Brühlstraße hängen voll mit einem Puzzle aus Neuschwanstein, einem Kruzifix, einem Liebespaar am Palmenstrand, deutschen Spruchweisheiten, einem silbernen Frauenakt auf -Silber in silbernem Rahmen, dem angegilbten Bild einer schönen Frau in einem altmodischen Kostüm. "Meine Mutter", erklärte der Schuster, aber drei Jahre nach seiner Geburt besetzen die Deutschen Griechenland...". Das musste der Artikel von dem Müllsortierer sein. "Der Mensch ist nur ein Sandkorn im Kosmos", las er weiter. Das sollte der Schuster gesagt haben. Da hielt es A14 doch lieber mit dem Motto, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben sollte. Wenn er erst mal eine Spur hätte, würde er in seinem Fall schon weiterkommen.
A14 findet eine Spur
A14 hatte Lust auf was Asiatisches. "Gibt’s hier so was wie einen Chinesen zum Mitnehmen?", fragte er jemanden. "Ja, da gehnse als gradaus Richtung Ampel, aber die Ampel daraus, mer ham ja noch zwei in de anner Richtung, dann gehen se an dene Banke rechts und dann als runner bis über des neue Haus, wo neulich der Keller unner Wasser stand, dann isses gleich da rechts, noch vorm "luftige Winkel", kurz vor de Nidd. Oder wartese, besser noch (er holte Luft): noch besser: Sie gehn gleich hier runner bis zum Schloss, dann links und gleich widder links, aber natürlich net gleich, aber des wern se ja wisse". "Wer hier nicht geboren ist, hats schwer", dachte A14 und ging in die Richtung, in die der Mann gedeutet hatte. Von einem Schloss war weit und bereit nichts zu sehen. Beim Suchen nach dem Schloss fand er aber den Vietnamesen. Vor ihm war ein Mann mit einem Fahrradhelm, der einige Plastikgefäße auf die Theke stellte. Der Vietnamese arbeitete an drei großen Pfannen gleichzeitig, in die er Fleischstücke und frisches, kleingeschnittenes Gemüse hineingab, dass es zischte. Seine Frau reichte ihm in Schälchen die Zutaten an, die er, fast hüpfend, entgegennahm. Kaum mit einer Pfanne fertig, rührte er in der Pfanne daneben. Alles briet nur ganz kurz und ohne Öl. Eine Pfanne war gerade fertig, und er kippte, mit einem großen Löffel nachhelfend, eine nach Kokosnuss riechende Speise in das etwas zu kleine Gefäß.
Eine Kundin lobte den Mann mit dem Fahrradhelm dafür, dass er seine eigenen Gefäße mitgebracht hatte. "Gut für die Umwelt", sagte sie, "wenn das jeder machen würde!", nahm die Plastikbehälter des Vietnamesen und ging. Richtig, das war doch dieser Müllsortierer, der ihn damals in seinen Grüften zu Biomüll verarbeiten wollte. Der schrieb doch in seinem Käsblättchen Artikel über anderer Leute! Ehe der jetzt auch über ihn schrieb, verdrückte er sich lieber. Er bestellte schnell Rindfleisch mit Zitronengras und sagte, er komme in ein paar Minuten wieder.
Ah, da war ja der "luftige Winkel". Da konnte er sich gleich einen Sechserpack Bier kaufen und vielleicht mit den Kerlen, die da rumstanden, unauffällig ins Gespräch kommen. Er bestellte das Bier. Der Mann neben ihm schlug gerade mit der Faust auf eine Zeitung mit balkengroßen Überschriften und fluchte: "Wenn ich etwas zu sagen hätte. ich würde...". Es ging um irgendein Verbrechen. "Ja", mischte sich A14 ein, "Es passiert so viel. Neulich hab ich was gehört von einer geklauten Statue". Der Mann biss sofort an: "Dann gucken Sie mal neben dem Bunker. Da ist auch so ein merkwürdige Winkel, auch mit so einer Statue." "Römisch?", fragte A14 . "Ja, ja, römisch oder so", sagte der Mann und hatte schon seine Bierflasche am Mund, sodass A14 ihn nicht recht verstand, "so irgendwie antik". Na bitte, dachte A14, das ist doch eine Spur.
A14 ging zurück zum Vietnamesen. Der Koch kippte gerade sein Essen aus dem Wock in das Plastikgefäß, erst sehr vorsichtig, mit konzentriertem Blick, dann mit etwas mehr Schwung, und am Schluss mit einem langen Löffel den Rest auffüllen, wobei er lächelte, als freue er sich über das gelungene Gericht. A 14 aß an einem Tresen mit Blick aus dem Schaufenster. Er hatte gerade die letzte Gabel Zitronengras gegessen, da sah er eine Frau vorbeigehen, die in einem Korb etwas trug, das eine mit einem Tuch bedeckte Figur auf einem Sockel zu sein schien. An einem Ende guckten Füße heraus, die auf einem kleinen Sockel standen. Konnte das sein Gott sein? A14 zahlte schnell, raffte seinen Sechserpack, seine Tasche und eine ausliegende Zeitung zusammen und ging in der Richtung, in die die Frau gegangen war. Gerade sah er sie um die Ecke biegen. Sie ging Richtung U-Bahn. A14 hielt sich knapp hinter ihr und stieg dann in denselben Wagen wie sie. Er setzte sich schräg gegenüber und blätterte in der Zeitung, die er aufgerafft hatte. Die Frau las ein Buch. Am Weißen Stein lächelt sie in sich hinein. Am Lindenbaum begann er verstohlen hinzuschaun. Was las die Frau da? Jedenfalls interessanter als der Artikel über die Bahnreform in seiner Zeitung, von der er nur den Wirtschaftsteil erwischt hatte. Bei dem Thema zuckten die Schultern nicht vor innerer Belustigung. An der Hügelstraße kräuselte sich vor Vergnügen ihre Nase. Schade, dass er den Titel des Buches nicht sehen konnte, das sie auf den übereinander geschlagenen Beinen hielt.
Wenn der Gott genau so schön war wie die Frau!
Aber er konnte ja nicht dauernd die Frau anglotzen. War ja richtig ungehörig! Soll er sie einfach fragen, was sie da las, und auf diese Art vielleicht auf die Figur im Korb überwechseln? Das ging aber auch nicht. Der will mich anbaggern, würde sie denken. Er guckte, ohne wirklich zu lesen, weiter den Wirtschaftsteil der Zeitung.
An der Miquel-Adickes-Allee wippt sie vor Vergnügen mit dem Zeh. Nein, wie eine Diebin sah sie nicht aus.
Er hätte doch gern gewußt, was das für ein Buch war. Ich frag sie einfach, dachte er. Ich sage, ich suche noch ein Geburtstagsgeschenk. Aber erst mal faltete er die Zeitung so, damit er unauffälliger auf das Buch gucken konnte. Am Holzhausenpark schmunzelte sie stark. Er räusperte sich. Aber am Grüneburgweg legte sie ihr Buch weg. Sie sah ihn an und dann wieder weg. Er guckte auf seine Zehenspitzen. Am Willy Brandt Platz spannte sein Hosenknopf. Ihre Augen begegneten sich, und er sagte sich räuspernd irgend was über das Wetter. Am Südbahnhof lud er sie ein zum Schwof.
"Lasst uns froh und munter sein!"
Ein Kindergarten hatte beim Revier angerufen, ob die nicht einen Weihnachtsmann stellen könnten. Die Väter, die das bisher gemacht hätten, seien durchgebrannt. Bei so was musste immer der Dienstjüngste ran. Das war A14. Für die eigene Weihnachtsfeier lag irgendwo hinter den Uniformen ein Weihnachtsmannkostüm. A14 musste den Bauch etwas ausstopfen, dann passte es. Da er nicht in Uniform in dem Kindergarten auftauchen wollte, macht er sich in dem Kostüm auf den Weg. Unterwegs sah er Plastik-Weihnachtsmänner in Lebensgröße an Seilen an den Fenstern hängen. Die ideale Zeit für Einbrecher, dachte A14. Wenn ich eine wäre, würde ich mich als Nikolaus verkleiden und notfalls damit herausreden, das sei jetzt Mode und jemand hätten eine Überraschung geplant. Die falschen Weihnachtsmänner sahen wirklich täuschend echt aus. Einer bewegte sich sogar. War offenbar ein teureres Modell mit Antrieb. Ach ja, erinnerte sich A14, bei ihnen zu Hause war auch immer ein Wachtmeister vom Nachbarort als Weihnachtsmann in den Kindergarten gekommen. "Ho, ho" hatte er gerufen und so stark aufgestampft, dass die Kinder einen Schrecken bekamen. Zeiten waren das... Halt Moment, vielleicht sollte er sich diesen Weihnachtsmann, der sich bewegt hatte, mal genauer ansehen. Er ging ein paar Schritte zurück und sah nur noch ein offenes Fenster. Zweiter Stock links! Besser, er klingelte da mal. Oben an der Wohnungstür öffnete ein Weihnachtsmann. War das nun ein echter oder ein falscher, dachte A14. Jedenfalls konnte er sich in diesem Kostüm nicht mit seinem Namen und dem Zusatz "14. Revier" vorstellen. Wenn das die Kollegen erführen, hätte er bald den Spitznamen "Weihnachtsmann 14" weg. Er fragte: "Ist bei Ihnen alles in Ordnung?" "Bei mir schon", sagte der Andere und warf seiner Frau einen fragenden Blick zu, "ich hoffe auch bei Ihnen." Die Frau verstand offenbar nicht, was los war, und bat A14 hinein. Die beiden Weihnachtsmänner setzten zum Sprechen an und brachen wieder ab. Dann fasste A14 sich ein Herz und sagte: "Ich habe gerade den W..., ich meine: Ich habe gerade einen Weihnachtsmann gesehen, der...", da ging eine Tür auf und ein dritter Weihnachtsmann lief, ohne ein Wort zu sagen, auf die Wohnungstür zu. "Halt, mein Lieber, nicht so eilig", sagte A14 und packte ihn beim Ärmel. "Meine Herren", sagte der zweite Weihnachtsmann, "falls Sie sich hier zu einem Kostümfest verabredet haben, zischen Sie am besten gleich wieder ab. Wer sind Sie überhaupt?" Statt der Weihnachtsmänner antwortete die Frau: "Fritz, haben die Kinder nicht was von einer Überraschung gesagt?" A14 wurde unsicher. "Ich werde mich für alle Zeiten bei den Kollegen blamieren, wenn ich einen unbescholtenen Weihnachtsmann verhafte", dachte er und lockerte den Griff. Der dritte Weihnachtsmann riss sich los und rannte die Treppen herunter. "Ein Dieb", rief A14 und rannte hinterher, gefolgt von dem zweiten Weihnachtsmann. Unten sah er niemanden. Er guckte im Hintergarten. Niemand. Als er zur Haustür zurückkam stand da einer der Weihnachtsmänner. Welcher von den beiden war das denn nun? "Tut mir leid, ich muss ihre Personalien feststellen". "Seit wann spielt der Weihnachtsmann denn Polizei?", fragte der Mann. "Umgekehrt", sagte A14 und erklärte alles. "Ach so", sagte der Mann, "aber ich bin der echte Weihnachtsmann, d.h. natürlich bin ich nicht der Weihnachtsmann, he, he, ich wohne hier." Er zeigte auf ein Klingelschild, auf dem "Heller" stand. "Hell, heller, am hellsten, das bin ich." "Der musste erst auf das Klingelschild gucken, bevor er seinen Namen wusste", dachte A14 und stellte sich so auf, dass der Mann nicht zur Straße entkommen konnte. Da hörte man Kinderstimmen im Treppenhaus, die abwechselnd nach dem Papa und dem Weihnachtsmann riefen. A14s Verdacht war ausgeräumt. Die beiden bestätigten sich gegenseitig, dass es ja gar keinen Weihnachtsmann gibt und dass man ja alles wegen der Kinder macht. Es hätte wenig gefehlt, und sie hätten sich gegenseitig auf die Schultern geklopft. "Obwohl: wer weiß?", sagte der Mann, "das ist vielleicht wie bei den Engeln, wenn man ganz fest daran glaubt, gibt es sie." A14 vergewisserte sich, dass niemand zuhörte, und sagte: "Selbst wenn es den richtigen gibt, ich fange jetzt lieber mal den falschen, ich meine: den richtigen Dieb", sagte A14 und entließ den Mann zu seiner aufgescheuchten Familie.
Er rief im Revier an und sagte, dass im Stadtteil ein als Weihnachtsmann verkleideter Dieb herumläuft. "Sollen wir an einem Tag wie heute alle Weihnachtsmänner verhaften", fragte die Kollegin. "Nein, nein, nur den falschen". "Und woher sollen wir wissen, dass wir an den falschen geraten sind?". "Ach, fahrt einfach ein bisschen herum", sagte A14 und machte sich auf den Weg zum Kindergarten. Unterwegs hielt ein Streifenwagen an und wollte seinen Personalausweis sehen. A14s Humor kehrte zurück. "Liebe Kollegen", sagte er, "ich bin nicht der richtige Weihnachtsmann. Der, den ihr sucht, ist sicher über alle Berge, ho. ho, oder über den Wolken." Ein Anruf beim Revier klärte die Lage auf. A14 konnte sich das Gelächter im Revier vorstellen, wenn er in seinem Aufzug zurückkam. "Jetzt aber rasch", dachte A14 , "die armen Kinder denken sicher, der Weihnachtsmann hätte sie vergessen." Er stürzte in den Kindergarten und hätte sich am liebsten in den Arm gezwickt: Vor ihm stand ein Weihnachtsmann. "Da sind sie ja", sagte der andere Weihnachtsmann, der aber eine Frau war. "Ich bin die Leiterin des Kindergartens. Wo waren Sie denn so lange? Wir haben schon im Revier angerufen, und die haben gesagt, es wird überall nach Ihnen gesucht." "Mist", dachte A14 , "bei er Weihnachtsfeier werden sie mich zum Weihnachtsmann des Jahres ausrufen." Er sah schon eine rote Bommelmütze an dem Kleiderhaken hängen, wo er seine Dienstmütze aufhängte. Schnell nahm er den Sack mit den Geschenken und ging in den Raum mit den Kindern. "Kinder, seid ihr alle da?", rief er. Auf dem Weg hatte er sich ein paar passende Sätze zurechtlegen wollen, aber der ganze Maskentrubel hatte ihm keine Zeit dazu gelassen. Wie war das noch mal? Richtig: "Kinder, ward ihr alle brav?". "Ja", riefen die Kinder und guckten auf den Sack. Er begann auszupacken, da kam die Leiterin und flüsterte ihm zu, er solle direkt nach der Bescherung ins Revier kommen wegen einer Gegenüberstellung mit dem Weihnachtsmann, er wisse schon. Machte die Frau Witze oder hatten die Kollegen den Einbrecher gefangen? Etwas unkonzentriert verteilte er die Geschenke. Die Kindergartenfrau bedankte sich noch einmal bei ihm,- es sei ihr doch lieber, wenn ein Mann das mache, wegen der Echtheit, obwohl ihre Freundin sage, wenn es einen Weihnachtsmann gibt, dann muss es auch eine Weihnachtsfrau geben. Sie warf ihm dabei einen Blick zu, dass er aus Verlegenheit an seinem falschen Bart zupfte. er ging schnell zurück zum Revier. Als er reinstürzte, stand die ganze Belegschaft bereit und sang: "Lasst uns froh und munter sein..." und brach nach der ersten Strophe in Gelächter aus.
Ein weiterer Vorstoß
A14 saß beim Bier und guckte sich einen Krimi an. Es war einer von denen, wo die dreckige Wäsche im Revier gezeigt wurde. Mobbing und so. Das war bei ihm im Revier nicht so, aber heute wäre er doch beinahe ausgerastet. Dieses Ehepaar, das jemanden wegen Beleidigung anzeigen wollte. Die Frau sei einfach so mit dem vollbepackten Einkaufswagen gefahren und habe sich an einer Einfahrt nur mal kurz mit einer anderen Frau unterhalten. Da kam ein Mann mit einem Auto und wollte in die Einfahrt. "Ja hat der denn gedacht, ich hüpp wie ein junges Reh zur Seite", hatte die Frau zu A14 gesagt. "Und dann hat er mich beleidigt". "Was hat er denn gesagt", wollte A14 wissen. "Rammedösje hat er gesagt". "Was?" "Ei Rammedösje!", und als A14 den Ehemann fragend anguckte, sagte der: "Du hast mir aber gesagt, er hätt´ Dabbeduddel gesagt". "Ob der jetzt Rammedösje oder Dabbeduddel gesagt hat, is ja egal, jedenfalls hat er mich beleidigt. Du bist selbst en Dabbeduddel, weil de den junge Mann hier so verrückt machst." "Aber gnädige Frau", hatte A14 gesagt, "Ihr Gatte hat ganz recht, ich muss schon wissen, was ich ins Protokoll schreiben soll". "Ach schreibe se von mir aus Dabbeduddel". "Und wann war das mit der Beleidigung?" "Ach so vor drei vier Tagen, halt wo ich im Toom war". "Ach das war ein Einkaufswagen vom Toom, den dürfen Sie aber gar nicht mit nach Hause nehmen. Wenn Sie den aus dem Gelände des Zentrums rausfahren, ist das ein Eigentumsdelikt." "Jetzt fange sie auch schon an", hatte die Frau gekrischen, "Das sind doch die Türken, die mit den Kopftüchern, die die Wagen wegfahren, ich seh´s doch jeden Tag". "Aber Sie haben doch selbst eben gesagt...", wollte A14 sagen, als der Ehemann ihre zuzischte: "Ich hab die gleich gesagt, des sollte hier net sage. Der junge Mann hat ja ganz recht." Er wurde förmlich: "Entschuldigen Sie das Verhalten meiner Mutter, äh: meiner Frau". "Was mischst du Hannebambel dich da ein", keifte sie zurück, und jetzt legten die Beiden einen Ehekrach auf, dass A14 dachte, er müsse den Konfliktbeauftragten vom Präsidium einschalten. Sie trödelt immer, sagte er. Er mischt sich immer ein, sagte sie. Sie solle halt nicht immer alles für die ganze Woche auf einmal kaufen, lieber in zwei Portionen, und bis sie sich auf dem Heimweg ausgetratscht habe, sei ja der Spinat abgetaut. A14 wusste nicht mehr, was er tun sollte, sagte ein paar Mal "Aber meine Herrschaften!", bis eine ältere Kollegin so tat, als werde A14 hinten benötigt und den Fall übernahm. Sie ließ sich "Dabbeduddel" diktieren, und als die zwei sich nicht auf zwei mal Berta oder zwei mal Paul einigen konnten, zogen sie schimpfend ab. "Jetzt ein Bier", hatte A14 gedacht. Naja, jetzt saß er zu hause und öffnete die zweite Flasche. Dieses Heddernheim war doch nichts anderes als ein Widerstandsnest. Wenn er zu sagen hätte, würden hier erst mal flächendeckend Überwachungskameras eingeführt. Allein diese Straßennamen! Am liebsten würden die alle in römischen Gewändern rumlaufen, diese..., diese Stammesangehörigen. Er war bisher viel zu unsystematisch an diese Sache herangegangen. Ihm kam in den Sinn, dass er bei Gelegenheit den ganzen Laden zur Blutprobe mitnehmen könnte. Der Dschungelgötze kam ihm in den Sinn, den er im Kegel der Taschenlampe gesehen hatte. Jawohl! Bisher hatte er nur botanisiert, jetzt gings auf zur Großwildjagd.
Sein nächster Vorstoß führte ihn zu einem Gebäude mit einem großen Saal. Ein Mann mit einem Bart hielt offenbar gerade einen Vortrag. Die Zuhörer saßen im Halbkreis um ihn herum. Jetzt schien Pause zu sein. Die Leute gingen nach draußen. Ein paar sangen vor sich hin. Hatte er eben "Rom" gehört? Auf jeden Fall würde es sich lohnen, sich den zweiten Teil des Vortrags anzuhören. Als die Pause zu Ende war, stahl er sich mit den Anderen hinein. Er merkte, dass vorne die Frauen und hinten die Männer saßen. Da bei den Männern alles besetzt war, setzte er sich auf einen freien Platz neben eine Frau und dachte, das sie Sitten hier so streng wohl doch nicht sein würden. Warum sah ihn denn die Frau neben ihm so an, und warum tauschte sie Blicke mit ihrer Nachbarin? Gerade als eine Frau hinter ihm ihm auf die Schulter tipte und etwas sagen wollte, sagte der Mann, der vorgetragen hatte: "So, und jetzt `Steiniget ihn´". A14 zuckte zusammen. Wo war er denn jetzt wieder hin geraten? Der Mann mit dem Bart spielte ein paar Töne auf dem Flügel, und jetzt fingen die Leute an zu singen: "Steiniget ihn...". Du lieber Himmel, eine Chorprobe. Die Frau neben ihm sah ihn fragend an. Ach so, die Männer saßen ja hinten. Als der Mann mit dem Bart gerade wegguckte, lief er geduckt nach hinten und tat so, als würde er singen. Ewig konnte er hier aber auch nicht sitzen. Mit einem knappen Lächeln verabschiedete er sich von denen neben ihm, ging halb geduckt die Reihe entlang, drehte sich dann auf dem Absatz und ging mit ein paar langen Schritten zur Tür. Im Rausgehen sah er, dass der Mann mit dem Bart ihm fragend nachblickte.
Zu Hause angekommen, warf er einen Blick auf den kleinen Schreibtisch, an dem er seinen Formularkram erledigte und wo sein PC stand. Da lag der Brief seiner Verflossenen und der Umschlag für die Steuererklärung. Nein, dann lieber doch zu dem Völkchen mit den selbstgebuddelten Autobahnen. Einen Plan musste er machen, dachte er, während er eine Flasche Bier trank. Er hatte die Ermittlung zu sehr schleifen lassen, war ohne Systematik rangegangen. Er warf einen Blick auf den Ausschnitt des Stadtplans, den er sich kopiert und neben den Bildschirm gehängt hatte. Eingezwängt zwischen der Nordweststadt und dem neugebauten Mertonviertel zogen sich ein paar parallele Straßen, und dazwischen war ein Gewirre von Gässchen. In diesen Gässchen mussten die Widerstandsnester sein! Bei der zweiten Flasche Bier dachte er: Warum nicht einfach die Rädelsführer verhaften, diese... wie hießen sie doch gleich, die mit ihren..? Als ihm der erste Name einfiel, wurde er wieder nüchtern.
Nein, das konnte man den Kollegen von der U-Haft nicht zumuten. Bei den Vernehmungen musste man ja Dolmetscher hinzu ziehen. "Gemaapumb, Klaa Paris, Dabbeduddel, Rammedösje!" Neulich hatte einer von "de Nidd" gesprochen. Durch geduldiges Nachfragen hatte er herausgefunden, dass die Nidda gemeint war. Jetzt war A14 an der Tür. Nein, jetzt hatte er besseres zu tun als die Gipsgottfahndung zu denken.
Die Frau in der U-Bahn hatte ihm ihre Telefonnummer gegeben. Am Tag danach war es A14 zu aufdringlich vorgekommen gleich anzurufen. Am zweiten Tag legte er das Kinoprogramm neben das Telefon und wählte ihre Nummer. Er hatte erwartet, dass sie ans Telefon ging. Einen Moment wollte er sie raten lassen und dann sagen, wer er ist. Aber es war der Anrufbeantworter. Während er ihre Stimme hörte, setzte er sich gerade und räusperte sich. Dann fing er an wie ein Nachrichtensprecher, aber der Satz kam so schief raus, dass er ihn mit einem "äh, ja" abrach. Mit einer Maschine zu reden hatte er nicht gelernt. Als er auflegte, wusste er nicht mehr, wie er sich verabschiedet hatte. War es "Tschüß" gewesen? Noch mal anrufen ging nicht. Zu blöd, dass man immer nur einen Versuch hat.
Ein paar Tage später klappte es, und bald war er auf dem Weg zu der Frau aus der U-Bahn. Da er genügend Zeit hatte und sich die Beine noch etwas vertreten wollte, ging er zu Fuß vom Revier quer durch Heddernheim zu U-Bahn und guckte sich dabei nach einem Mitbringsel um. "Am besten was zum Trinken", dachte er, "zusammen anstoßen ist immer ein guter Einstieg. Er fragte nach einem Geschäft. "Da gehn se zum Schnaps-Walther", sagte jemand in einem Ton, der den Gedanken an einen Supermarkt gar nicht erst aufkommen ließ. Als er die Tür zu der Weinhandlung öffnete, ertönte ein Klingelzeichen, das ein "Ja, ich komme" aus dem Hintergrund bewirkte. Dann kam ein Mann mit einem grauen Kittel. Was es denn sein dürfe, fragte er. A14 sah sich unentschlossen die Reihen von Schnäpsen, Likören und Weinen an, dann daneben ein paar Fotos aus dem Keller der Weinhandlung, fand aber den Mann im Kittel am interessantesten von allem. "Was zum Mitbringen", sagte er. "Soll es für jemand jüngeren oder jemand älteren sein", fragte der Mann. Wie alt war die Frau eigentlich? So anfang, mitte zwanzig, schätze er. "Jung", sagte er. "Jung und schön, da empfehle ich Ihnen unseren Sekt". A 14 ließ sich die Flasche in Geschenkpapier einpacken.
Ist doch was anderes, ob man dauernd an dieses Volk aus Heddernheim denkt oder sich auf eine Verabredung freut, dachte er, als er schließlich das Haus gefunden hatte. Aber beim Treppensteigen kam ihm die Fahndung doch wieder in den Sinn. Er verscheuchte den Gedanken. An der Tür stand "Marianne". Er holte Luft und klingelte.
Die Frau öffnete. Sie freute sich über den Sekt. "Ach, wie hübsch", sagte sie, als sie das Etikett sah. Er hatte beim Kauf gar nicht darauf geachtet. Es war die "Gemaapumb", und auf dem Etikett stand "Alt Heddernheim". "Ach ja, da fließt ja die Nidda", sagte sie und schlug bei Gelegenheit einen Spaziergang vor. Einen Moment holte er Luft und sagte dann Ja. Um diesen "Luftigen Winkel" usw. konnte man ja einen Bogen machen. Sie hatte den Sekt in den Kühlschrank gestellt, da man es ja nie wisse, und nun plauderten sie ein wenig. Der Gott, den sie in der U-Bahn dabei hatte, entpuppte sich bei dieser Gelegenheit als Gartenzwerg. "Götter und Göttinnen sind aber schöner", sagte er, nach einem Gesprächseinstieg suchend. "Gartenzwerge und Gartenzwerginnen können auch ganz schön sein", antwortete sie. "Der, den Sie gesehen haben, heißt Geigi. Er gehört einer Freundin, die ihn von ihrem Großvater gekriegt hat. Als wir uns getroffen haben, habe ich ihn gerade zu einer Bekannten zum Restaurieren gebracht. Die macht das berufsmäßig. Die hatte auch eine Figur da mit Brille, Kochmütze, Kochlöffel und Schürze, die dringend aufpoliert werden musste. Sie hatte letzthin ziemlich viele Kratzer angekriegt. Schön war sie nicht, sie grinste irgendwie schief. Sie will mal sehen, ob die Figur noch hinzukriegen ist."
Jetzt holte sie den Sekt, öffnete ihn und schenkte zwei Gläser ein. "Nicht schlecht", sagte sie. Das musste er zugeben. Sie bat ihn, sich auf das Sofa zu setzen. Als er sich setzte, quietschte es. "Oh Verzeihung, das ist Sammy", sagte sie, "mein Krokodil." "Wenn es Quietschenten gibt, dass kann es ja auch Quietschkrokodile geben", sagte A14 und lachte, "im Revier haben wir eine Quietschente. Sie heißt Petra. Der Reiner, der meistens an der Pforte sitzt, quietscht mit ihr, wenn bestimmte Leute kommen, zum Beispiel dieses Ehepaar, das immer streitet. Dann geht alles in Deckung. Wenn er zwei mal quietscht, ist es ein Ladendiebstahl." "Ach, Sie sind Polizist? Den Sammy hat damals auch die Polizei gesucht, bei uns im Baggersee. Ich bin nämlich aus Saarheim. Der Fall war sogar im Internet. Sie brauchen nur Saarheim einzugeben. Vor der Eingemeindung hieß es Abtei Dehra. Das "ei" haben die Leute bei schnellen Reden verschluckt. Zwei drei Eier am Tag können nichts schaden, sagen die Leute bei uns." Sie lachte und wurde ein wenig rot. "Der erste Abt hieß Oskar. sagt man heute noch bei uns. Und unser Oberbürgermeister heißt auch Oskar, Oskar Obenauf. Sie haben doch bestimmt schon von den Saarheimer Krawallen gehört. Nein? Wegen denen hätte es beinahe Krieg gegeben. Einmal im Jahr am Hildeboldstag ist ein Trachtenumzug, der an die Krawalle erinnert. Bei uns lernen das alle Kinder in der Schule. Da kam an einem heißen Sommertag ein Mann aus dem Quierbachtal und wollte sich in den Schatten eines Heuwagens legen. Das war dem Besitzer des Wagens nicht recht. Die aus Quierdorf konnte er sowieso nicht leiden. Die beiden gerieten in Streit. Der Besitzer des Wagens meinte, da das sein Wagen war, war es auch sein Schatten. Der Mann aus dem Quierdorf sagte, der Schatten kommt von der Sonne und die gehörte ja schließlich nicht dem Mann aus Dehra - den Abt verschlucken wir meistens auch. Die Beiden wären beinahe handgreiflich geworden, als zwei Advokaten geritten kamen, von denen jeder Partei für einen der zwei ergriff. Bei der Gerichtsverhandlung brachte der Mann aus dem Quierbachtal seinen halben Ort mit, und es kam zu einer Keilerei im Gerichtssaal. Am Schluss keilte sich die ganze Stadt. Natürlich gabs nie ein Gerichtsurteil, vieles geht bei uns per Handschlag, und bis heute meinen beide Seiten, sie hätten Recht. Bei dem Umzug wird immer ein Heuwagen mitgeführt, und wenn der beim Gericht vorbeikommt, findet sich immer jemand, der irgendeinen Streit anfängt. Meistens sind es die aus Quierdorf. Dann fliegt Heu nach allen Seiten. Manchmal ist auf dem Wagen hinterher keins mehr drauf. Da steht auch immer ein Krankenwagen. Bei uns legt man Wert aufs Brauchtum."
A14, der das Krokodil in den Arm genommen hatte, quietschte damit. "Ach so, Sammy", sagte sie, "aber erst mal Prost! Also Sammy. Der ist mal aus einem Kleintierzoo ausgebüxt und hat den Badesee unsicher gemacht. Taucher mussten kommen und Tierspezialisten, stand ja alles in der Zeitung. Mit jedem Mal wurde das Viech größer. Am Schluss wurden Scharfschützen aufgestellt. Aber dann hat einer das Krokodil, das eigentlich ein Alligator war, mit bloßer Hand gefangen und bei sich in die Badewanne gesetzt. Die sollen sogar zusammen gebadet haben."
Bei "zusammen in der Badewanne" setzte A14 zum Sprechen an, sagte dann aber doch nichts. Sie tranken den Sekt aus. Marianne wollte noch etwas an die Luft, sie liefen ein paar Straßen weit, und dann waren sie an der U-Bahn und verabschiedeten sich.
War ja sehr nett, die Marianne, dachte A14 auf der Fahrt nach Hause, und beim ersten Treff konnte man nicht mehr erwarten. Als es mit seiner Ex schon gekriselt hatte, hatten beide mal Kinder beim Blumenpflücken beobachtet. Sie rissen nur die Blüten ab, und er hatte zu ihnen gesagt, dass sie auch die Stiele mitpflücken müssten, damit am nächsten Morgen nicht alles tot und welk sei. Die Marianne wollte er mit Stengel. Ein bisschen halten sollte das schon. Oder ganz und gar mit Wurzel? Mal sehen. Aber was sie da von ihrem Ort erzählt hatte, klang schon etwas wie Entenhausen. Aber wenn ihm vor einem Jahr jemand von diesem Heddernheim erzählt hätte, hätte er auch nicht geglaubt, dass es das wirklich gibt.
Am nächsten Tag im Dienst gab er "Saarheim" ein, und tatsächlich, den Ort gab es, mit Stadtplan und allem. Die Kirche St. Hildebold sah doch ganz schmuck aus! "Was machst du denn da", fragte sein Kollege, der "Alt-Achtundsechziger", "Lass dich nur nicht vom Chef erwischen". Er hatte den Spitznamen "Alt-Achtundsechziger", weil er damals mit dabei war und bei Streifenfahrten von Promis erzählte, mit denen er sich herumgeprügelt haben wollte. "Nein, hier geht es um Verwaltungsrecht", sagte A14, der zum Glück das Wort gerade gelesen hatte. Privates Surfen im Dienst wurde nicht gerne gesehen, auch wenn’s jeder machte. Da war ja sogar dieser Sammy! Lag auf einer Luftmatratze und grinste. "Sieht ja nicht gerade nach Verwaltungsrecht aus", grummelte der Kollege. "Doch, guck doch, hier", antwortete A14 und scrollte das Ende der Seite hoch. Da stand "Polizeirechtrundgang". "Oh!", sagte der Kollege und verzog sich an seinen Schreibtisch, wo er einen Geheimrat Oldenburg vierteilte und aß. A14 klickte weiter und las etwas von einer Lola Labelle, die auf dem Sulzbacher Schweinemarkt eine Erotikmesse "Saarphrodite" abhalten wollte, worüber eine Rechtsstreit entstanden war. Er klickte weiter und kam zu einem Krach im Bachchor, bei dem sich die Vorsitzende eines alternativen Vereins (Alt) und Liselotte Lautstark, Gattin des Anführers einer rechten Gruppierung (Alt), durch vorzeitiges Einsetzen, lautes Singen und viel Tremolo gegenseitig zu übertönen versuchten, wobei es während der Chorprobe zu wütenden Beschimpfungen kam und die Damen sich schließlich die Noten des Liederreigens "Am Quierbach zu Saarheim" eines zu Recht vergessenen Komponisten um die Ohren schlugen. Jetzt konnte A14 sich das mit den Krawallen schon eher vorstellen. Er fand sie nicht auf der Seite, aber so was muss man ja auch nicht jedem auf die Nase binden. Dann ging er noch auf eine Website, die sein Schwager für eine Berufsgenossenschaft bearbeitete. Je mehr Leute draufklickten, desto eher würde der Zwei-Jahres-Vertrag seines Schwagers verlängert werden. A14 gab "Rücken" ein und ging gleich wieder raus. War ja nur für die Statistik und sowieso alles flat rate. Wenn eben der "Alt-Achtundsechziger" gekommen wäre, hätte er gesagt, dass er Rückenschmerzen hatte. Hatte er auch. Er nahm sich vor, demnächst was dagegen zu tun.
Vor seinem nächsten Besuch bei Marianne wollte er noch rasch ein paar Blumen kaufen. A14 wollte gerade losfahren, als er etwas sah, das nicht mit rechten Dingen zuging. Alle 50 Meter stand jemand, und wie auf Kommando bückten sich alle und wuselten am Boden herum. Dann standen sie wieder. A14 wendete und fuhr zurück. Dasselbe passierte noch mal. A14 parkte das Auto und ging so unauffällig wie möglich die Straße entlang. Plötzlich kam ein Windstoß, und einer der Herumsteher stürzte los, dass er ihn beinahe umgerannt hätte. Jetzt verstand er: Die sammelten Walnüsse, die vom Wind heruntergeschüttelt wurden.
Auf dem Platz vor dem Blumengeschäft war ein kleines Gewässer, um das herum allerlei Geäst und Pflanzenwerk gruppiert war. Drinnen sah er Nelken und Rosen, Gestecke und Kränze, Wurzelwerk und allerlei Zweiglein. Eine Frau mit einer grünen Schürze stutzte mit der Gartenschere ein Gebinde zurecht, während sie einer schwarzgekleideten Kundin die Lage einer Trauerhalle erklärte. Das Gebinde war eine Wurzel, die von einem Bagger oder Beil verletzt worden war und um die sie Efeu, Ginster und ein paar Nelken wickelte, bis die wunde Stelle wie ein Pinselstrich im Hintergrund aussah. Während der Arbeit warf sie A14 einen fragenden Blick zu. Er bat um einen Blumenstrauß. "Für was für eine Vase ist es denn", fragte die Frau, während sie weiter an den Stengeln des Gebindes herumnestelte. "Äh, ich weiß nicht, ich war noch nie da..." sagte A14 und spürte, wie er rot wurde. "Oh, dann geht es wohl um eine Dame", sagte die Frau, legte das Trauergebinde beiseite und begann einen farbigen Blumenstrauß zusammenzustellen, wobei sie sich mit einer Kollegin im Hintergrund unterhielt. A14 hörte neben Scharren und Klappern etwas wie "...das erste Mal". "Was für einen Geschmack hat denn die Dame?", fragte die Frau. "Gabi, frag doch net so viel, tu die einfach dezu", sagte eine andere Frau, die gerade mit konzentriertem Blick in schönen Buchstaben eine Trauerschleife beschriftete, und gab ihr ein paar rote Rosen, indem sie ihm zuzwinkerte. Beim Rausgehen musste er an zwei wartenden Kundinnen vorbei, von denen eine ihm aufmunternd zunickte und die andere einen spitzen Mund machte.
"Ach, das wär doch nicht nötig gewesen", sagte Marianne, als er ihr den Blumenstrauß überreichte. Sie stellte ihn in einem Einmachglas auf den Schreibtisch neben ein Stapel Bücher. "Studieren Sie", fragte er. Sie lachte, "nein, ich arbeite in einer Bäckerei. Aber ich lese für mein Leben gerne Krimis. Kennen Sie diese neuen Ethno-Krimis? Eine Serie spielt nur in Malmö, eine nur in Venedig. Bei der dritten Folge kennt man jede Verkehrsampel. Eigentlich ist so eine ganze Stadt immer noch zu groß. Es müsste mal jemand einen Stadtteilkrimi schreiben. Aber nicht so was wie: Immer hatte die Polizistin nur Strafzettel verteilt, aber eines Tages machte sie einen grausigen Fund,- es müsste so einer sein, wo der Kommissar aus dem nächsten Polizeirevier herausspaziert kommt und das erlebt, was man im Stadtteil so erlebt, was ganz nahes. " Sie guckte A14 an, und er kam sich vor wie im Lichtkegel auf der Bühne vor vollbesetztem Haus. "Aber im Stadtteil ist doch nix los", sagte A14 . "Nein, los ist überall was. man muss es nur finden. Muss es denn immer New York oder Venedig sein? Ach, seufzte sie, "ich möchte gerne mal nach Venedig." A14, überlege dir, was du jetzt sagst. Sie will nach Venedig! Lad´ sie ein, mit dir zu fahren! "Vielleicht treffen wir uns in Venedig mal an einer Ampel, die gerade rot ist, dann gehen wir zusammen rüber", sagte er. Er wusste nicht warum, aber irgendwie kam ihm dieser Satz unpassend vor. Jedenfalls würde er sich galant bei ihr unterhaken und so was sagen wie. "Die sollen ja hier fahren wie die Teufel."
Warum sah sie ihn denn so an? Nun musste er etwas Gescheites sagen. "Lesen Sie auch Liebesromane?" Darauf ging sie nicht ein. Sie seien ihr zu kitschig, sagte sie. "Haben Sie nicht Lust zu einem Spaziergang? Wir können doch rasch zu Nidda fahren und dort etwas laufen." A14 war einverstanden.
Im Zirkus
Auf einer Wiese an der Nidda stand ein Zirkuszelt. Ein Kind war mit ein paar Ponys, Ziegen und einem Lama beschäftigt ."Kommen Sie, die Vorstellung geht weiter", sagte das Kind. Die Beiden sahen sich an, zwinkerten sich zu, als hätten sie gerade denselben Gedanken gehabt, bestätigten sich gegenseitig, dass sie beim Rausgehen jeder den halben Eintrittspreis zahlen wollten, und gingen in das Zirkuszelt. Gerade wurde ein Messerwerfer angekündigt. Da seine Frau, auf die er werfe, während dieser Nummer nicht versichert sei, würden jetzt Kinder herumgehen und für mögliche Behandlungskosten Geld sammeln. Etwas amüsiert warfen sie das, was sie für den halben Eintrittspreis hielten, in den Hut. Die Frau, offenbar die Mutter der Kinder, stand vor einer Holzscheibe, auf die ein Mann die Messer in sicherem Abstand von der Frau sausen ließ. "Je besser der Messerwerfer, desto näher wirft er an die Frau", dachte Marianne, und das Mädchen, das mit dem Hut rumgegangen war, stellt sich wohl vor, dass es später, wenn es groß ist, auch mit Messern beworfen wird. "Ich möchte erleben, dass mal eine Messerwerferin auf ihren Mann wirft", flüsterte Marianne A14 zu. A14 warf ihr einen misstrauischen Blick zu. "Der würde wahrscheinlich so einen Sackschützer anziehen wie die Ritter auf den alten Bildern, und wenn das Rad sich auch noch dreht, würden sie vor Angst so zusammenschrumpfen, dass sie sich ganz darin verstecken könnten." Na, auf den Mund gefallen ist die nicht", dachte A14. Auf den Sackschützer fiel ihm jedenfalls kein geeigneter Anknüpfungspunkt ein, und sie verabschiedeten sich mit dem dem Versprechen auf ein Telefonat.
In der Oper
Eine Kollegin Mariannes, die von ihrer Tante Opernkarten bekommen hatte, war wegen eines Kegelabends verhindert, und da dachte Marianne, es wäre doch nett, mal mit ihrem neuen Bekannten wegzugehen. Die Karten verfallen lassen wollte sie nicht, und außer A14 wollte sowieso niemand mit ihr gehen.
A14 wäre ein Besuch im Kino lieber gewesen, aber warum nicht mal Oper, dachte er. Er zog den Anzug an, den er beim Konzert des Polizeichors zuletzt angehabt hatte. Er war noch nie in der Oper gewesen. Zum Glück saßen sie nicht bei den ganz feinen Leuten. "Rang" hieß das, wo sie saßen. Er nahm sich vor, am nächsten Tag im Revier zu erzählen, dass er es bis zum höchsten Rang geschafft hatte. Erst spielte das Orchester, dann fingen eine Sopranistin und ein Tenor zu singen an. Der Tenor sang eine lange Arie, und als er zu Ende war und auch so etwas wie eine Verbeugung machte, spürte A14 in seinen Händen einen starken Impuls zu klatschen. Gerade noch rechtzeitig stieß sie ihm mit dem Ellenbogen in die Rippen und flüsterte "Du darfst erst klatschen, wenn Alle klatschen". Hatte sie eben "Du" gesagt? Wegen der Musik hatte er es nicht genau hören können. Um es herauszufinden und als Antwort auf den Rippenstoß berührte er ihren Ellenbogen mit seinem. Sie wich zurück. "Die Oper ist halt doch nicht das Kino", dachte er. Auf der Bühne starb gerade der Tenor, und Marianne guckte durch das Opernglas, das die Tante der Kollegin zusammen mit den Eintrittskarten geliefert hatte. Die Sopranistin und eine Altistin sangen sich über der Leiche des Tenors etwas zu. "Im Kino ist es das Poppkorn, in der Oper das Opernglas", dachte A14 und tippte Marianne an, damit sie ihm das Glas gebe. Mit spitzen Fingern gab sie es ihm, und er guckte sich den toten Tenor an. Dann sah er zu ihr hinüber, ob sie wohl das Glas zurückhaben wollte. Sie reagierte nicht. Nun guckte er alle paar Minuten durch das Glas und wartete, ob sie ihn antippen würde, um es zurückzufordern. Dann aber klatschte Alles, und A14 fragte: "Wollen sie es zurück?". "Nein danke, gucken Sie ruhig weiter". Sie waren wieder beim "Sie"!
Nun war Pause. "Tipp von meiner Kollegin: Erst klatschen, wenn Alle klatschen. Wenn sich alle dran halten, kann nichts passieren", sagte Marianne , und als er nicht reagierte, sagte sie: "Und noch einen Tipp hat sie mir gegeben: Hier oben vom Balkon aus hat man einen guten Blick auf die Stadt. Lasst die Brezeln mit Sekt und guckt euch das an, hat sie gesagt." Tatsächlich, hier sah man die Türme alle schön aufgereiht. Die Leute neben ihnen versuchten herauszubekommen, welcher Turm welche Bank war. Fast ehrfürchtig nannten sie einige Banknamen. "Wo arbeitete eigentlich sein Geld?", dachte A14 , "das musste einer der Türme dort im Hintergrund sein.. "Die sollten hier so eine Kupferplatte hinmachen wir im Gebirge, mit einem Panorama, auf dem die Türme mit den Namen eingraviert sind", sagte A14 zu Marianne . Sie lachte und warf den Leuten neben ihnen einen entschuldigenden Blick zu. "Am Ende noch mit dem Tag der Erstbesteigung", sagte sie, und nun lachten beide.
Der zweite Teil der Oper zog sich etwas in die Länge, und A14 war erleichtert, als die Sängerinnen und Sänger mitsamt dem toten Tenor sich Am Schluss verbeugten und Beifall einheimsten. Beim Aufstehen berührte A14 scheinbar ohne Absicht Mariannes Schulter. Wieder nix! Sie tat, als sei nichts gewesen.
Sie gingen noch Einen trinken. Am Nachbartisch, der eine Handbreit von ihrem stand, stritten sich eine Frau und ein Mann halb im Spaß über Donald Duck, dessen 60. Geburtstag sie offenbar feierten. Der Mann forderte etwas zu laut die Duckisierung der Republik, während sie einer einfühlsameren, eher pädagogischen Annäherung das Wort redete. Sie wollte Straßenumbenennungen organisieren, Schulen nach der Familie Duck benennen, die Heftchen in allen Bibliotheken ausliegen sehen und in die Lehrpläne aufnehmen. Wenn dann ganzheitlich ein Bewusstsein hergestellt sei, könne die Republik ihretwegen verenten, sagte sei, während sie einen Bürzel ihres der gerade einen carnard aux petits pois auf der Gabel hielt. Probleme haben manche Leute, dachte A14 und bestellte ein Bier. Sie bestellte einen Wein. "Bei uns zu Hause gibt’s Wein eher bei Hochzeiten und so", sagte er. "In unserer Gegend wird viel Wein getrunken. Sie wissen ja, ich komme aus Saarheim. Sie haben bestimmt schon von Saarheim gehört. Nein? Auch nicht vom Saarheimer Engelströpfchen? Das trinken wir so bei runden Geburtstagen und Hochzeiten." Sie hatte "Hochzeiten" gesagt. Da musste er einhaken! "Bier geht immer. Neulich hat sich eine Kollegin verlobt, da haben wir mehr Bier als Wein getrunken." Sie schauten beide eine Weile in ihre Gläser und sagten nichts. Ein älteres Paar am anderen Nebentisch unterhielt sich über Selleriesalat. Der Entenenthusiast, der seine Wildente in Senfsoße kalt werden ließ, polterte gerade: "Ein Duck muss durchs Land gehen!" und guckte so entschlossen um sich, dass A14 glaubte, etwas sagen zu müssen,- auch, um das stockende Gespräch mit Marianne wieder in Fluss zu bringen. "Früher habe ich auch Micky Maus gelesen". Nein, um Micky Maus gehe es nicht, redeten jetzt beide auf ihn ein. Micky Maus sei zwar anfangs ein ganz drolliger Geselle gewesen, etwas verspielt, er habe aber keine Größe und entwickele sich eher zurück, ein Aufschneider und Moralist. Donald hingegen, ursprünglich eine Nebenrolle in Mickys Abenteuern, trete auch auf der Stelle, aber bei ihm sei das gelebt, sein Scheitern sei echt und habe die Kraft zum Neuanfang, er sei nicht unbelehrbar, aber unbeirrbar. Die Frau packte, während er diesen Vortrag hielt, das restliche Brot zum Entenfüttern in eine Serviette.
A14 und Marianne tauschten Blicke, zahlten und verabredeten sie sich zu einem Einkaufsbummel.
Zitronenlikör und ein Gespräch über Engel
Marianne kaufte gerne in der Kleinmarkthalle. Wie sie davon erzählte, klang es nach einem betörenden Mix aus Gerüchen, Farben und Stimmen, mit Pröbchen hier und da, kurzum: sie verabredeten sich für einen Samstag oben auf der Galerie, wo man sich, wie sie sagte, eher gegenseitig sah als unten in dem Gedränge. A14 schlug einen Zeitpunkt am späten Nachmittag vor, weil er gleich noch einen Kinobesuch einfädeln wollte, aber Marianne sagte, dass die Kleinmarkthalle Samstags um vier schloss.
A14 war am verabredeten Tag etwas früher da um sie nicht zu verfehlen. Er betrat die Halle und kam in einen Gang, auf dessen einer Seite eine beschürzte Frau gerade Schinken schnitt. Es roch nach Räucherwurst und Erde, und es herrschte ein stetiges, gedämpftes Stimmengewirr. Auf der anderen Seite waren Blumen und Topfpflanzen, Nutz- und Ziergewächse, Netze mit Steckzwiebeln und eine Wand mit Dutzenden von Samen. Eine Frau im Dirndl bespritzte die Pflanzen. Von der Decke des Gangs hingen Schilder, auf denen ein Hirsch, umrankt von erlegtem Wildgeflügel, zu sehen war, dann ein Rinder- und ein Hammelkopf und dazwischen Schriftzeichen, die so aussahen, als ob die beiden Tiere sich in Arabisch unterhielten. Ein weiteres Schild versprach 400 Wurstsorten, und eines, das einen Fisch, eine Ente und wiederum einen Hirsch zeigte, verwies auf die Galerie. A14 kam an Tiroler Bergkäse, Haxen und Brieschen, Tee und Kaffe vorbei. Ein paar Leute standen da und aßen Wurst mit Brötchen. Auf einem Stand lagen Früchte, die er noch nie gesehen hatte. Exotisches und Einheimisches, Avocados und Rettiche lagen nebeneinander. Er bummelte ein wenig herum und ging dann eine Freitreppe hoch auf die Galerie, wo die Türken, Marokkaner und Italiener waren. Eine Weile schaute er einem Mann mit römischem Profil zu, der zwischen Wein- und Essigflaschen andächtig einen rubinroten Wein in ein Glas goss und einer Kundin reichte, die daran schnupperte und es dann austrank. Dass es so viel verschiedenen Essig gab!
Einen Stand weiter hieb ein Metzger auf eine Hammelhälfte ein. Daneben war ein Laden, dessen Namen er mit seinem Pizzeria-Italienisch als "zum guten Leben" übersetzte. Ein Mann kaufte gerade seinen Rucksack voll mit verschiedenen Salamis, Nudeln, Törtchen und schokoladenfarbenen Tortenstücken, die eine Frau, die mit einem "Mamma" aus einem Kabaus gerufen worden war, von einer Art Wagenrad abschnitt. Dann füllte sie ein Mandelgebäck ab und reichte ihm noch ein Stück zum Schnabulieren über die Theke. Dazu füllte sie ein gelbes Getränk in ein Gläschen, ließ ihn trinken und erklärte, das sei Likör aus Zitronen ihrer Tante in Sizilien, den sie selbst ansetze. Bei der Tante wüchsen sie im Wald und seien ungespritzt. Immer wenn die Lieferung aus Italien komme, bestelle sie einen kleinen Kasten Zitronen mit. Der Mann mit dem Rucksack roch an dem Likör, verkostete ihn und kaufte eine Flasche. A14 guckte so interessiert zu, dass der Mann - fast um sich zu entschuldigen - sagte, wenn er in der Stadt sei, müsse er hierher gehen, es sei nicht der Kopf, der ihn treibe, eher die Füße, auf jeden Fall aber der Bauch. Die Frau, die auf A14 aufmerksam geworden war, gab ihm auch ein Gläschen. Der Likör schmeckte nach Meer und Sonne.
Im Hintergrund des Ladens war ein großer Kühlschrank, in dem A14, als die Frau ihn öffnete, eine Reihe von Schinken sah. Hinter der Tür zu dem Kabaus, das eine Küche zu sein schien, standen auf einem Regal in Fünferreihe gestaffelt Gläser und Dosen mit Marmeladen und Pasten, und einige Flaschen, wohl Weine, aber das verlor sich in einem verlockenden Halbdunkel. Daneben waren Packungen mit verschiedenen Kaffeesorten. Vorne waren auf der einen Seite diverse Nudelarten mit Füllungen wir Kürbis, Trüffel und Spinat ausgebreitet, daneben auf einer Drehpyramide Plätzchen, wir er sie nicht einmal an Weihnachten erlebt hatte. Der Mann, den es so unwiderstehlich hierhin gezogen hatte, deutete mit der Hand auf die Plätzchen, die er haben wollte, und gab der Frau, die hinter der Glasscheibe die nach Art von Hochzeitstorten aufgebaute Pyramide drehte, mit den Fingern die jeweilige Anzahl an.
Wurst und Käse bildeten das Zentrum der Theke, auf deren oberer Platte echte Trüffel, Essig und feine Öle standen, die kaum genug Platz ließen, um das Geld hinzulegen. Zur Seite standen wieder Weine und Liköre, deren Flaschen sich so aneinander drängten, dass die Reihen sich außerhalb des Ladens auf einem Tischchen fortsetzten. Der Laden - eher ein Verschlag - quoll über vor Genüssen. Hier hatte jemand den ganzen italienischen Stiefel in eine Streichholzschachtel gezaubert.
Gegenüber am Geländer stand ein Tisch mit einigen Schälchen, in denen, wie er an den Flaschen erkannte,
verschiedene Olivenöle waren, in die A14 der Reihe nach Brothäppchen tunkte. Wenn es Weinproben gibt, warum nicht auch Ölproben, dachte A14. Ein Öl war leicht bitter, ein anderes eher neutral, ein drittes so, als müsse man ein Glas Rotwein dazu trinken. "Na, schmeckts?, sagte Marianne, die gerade gekommen war und gleich mittunkte.
Marianne dirigierte ihn zu einem Fischstand, wo sie Sekt und Austern genossen. Dann gingen sie die Treppe runter und wurden von einem Stand mit Tee, Kaffe und Gewürzen angezogen. Davor lagen Basilikum, Rosmarien und Knoblauch. Die verschiedenen Gerüche vermischten sich zu einem Klang wie von hundert Instrumenten. Die Frau, die den Stand hatte, las gerade mit gerunzelter Stirn ein dickes Buch, von dem sie sich erst losreißen musste, als Marianne fragte, ob sie auch grünen Pfeffer habe. Die Frau war so in ihr Buch vertieft, dass Marianne sich räuspern und die Frage wiederholte. "Scheint ja interessant zu sein, Ihr Buch", sagte A14. "Ach, sonst lese ich Romane, aber das hier hat ein Kunde von mir geschrieben, über einen Frankfurter Philosophen, der jetzt Hundert geworden ist. Mein Stand kommt drin vor (sie blätterte nach hinten). Hier sehen Sie: "......." Dann legte sie das aufgeschlagene Buch auf die Kräutermischungen, stützte sich, damit die Seiten nicht durcheinander gerieten, mit einer Hand darauf und verteidigte, indem sie den Pfeffer über die Theke reichte, ohne Übergang den Jazz. War ihr der Pfeffer in die Nase gestiegen?
Auf dem Weg zum Ausgang sahen sie, dass im Keller ein Fischgeschäft war. Das wollten sie sich nicht entgehen lassen. Sie gingen runter, und gerade deutete eine Kundin auf einen Fisch, der zwischen vielen anderen in einem großen Becken schwamm. Ein Mann mit einer großen Lederschürze fing den Fisch mit einem Netz und tötete ihn mit einem Schlag auf den Kopf. Zum Spaß ergriffen Sie Partei. Sie verteidigte den Fischhändler, denn der müsse ja auch leben. "Und die Fische?", sagte A14.
Gibt es Engel?
Marianne hatte zu ihrem Geburtstag einen Spaziergang mit ihrem Bruder Evo und dessen Frau vorgeschlagen. Beide waren Kunsthistoriker. Nachdem sie kräftig gelaufen waren, setzten sie sich in ein Café. A14 erzählte, dass er beim Autofahren knapp einen schweren Unfall vermieden hatte.
"Da hast du aber einen Schutzengel gehabt", sagte Marianne.
"Ich glaube nicht an Engel", sagte A14.
"Da musst du dich an Evo halten, die hat einmal in einem Museum eine Ausstellung zu Engel mitorganisiert."
"Das meine ich doch nicht", sagte A14 , "ich meine richtige Engel."
"Das in der Ausstellung waren richtige Engel", sagte Evo, "die richtigen Engel sind die gemalten oder die mit angeklebten Flügeln. Andere gibt es nicht."
"Das heißt, die falschen sind die richtigen?", fragte A14 .
"Nein", antwortete Evo, "es gibt keine falschen. Es gibt nur solche wie in unserer Ausstellung, bei denen sich Jeder einen Engel denkt. Wenn der Betrachter sich keinen Engel denkt oder gar nicht weiß, was ein Engel ist, sind das auf der Leinwand nur unzusammenhängende Pinselstriche. Der gemalte und der gedachte Engel zusammen ergeben den richtigen Engel. Ohne den gedachten Engel hätten die Leute längst aufgehört Engel zu malen."
"Wie viel Leute waren denn in der Ausstellung?", fragte A14.
"Ungefähr 50.000".
"Und wie viel Bilder waren es?"
"150 und ein paar Statuen"
"Aber wenn jeder sich alle Engel ansieht und dabei einen Engel gedacht hat, gibt das 50.000 mal 150 richtige Engel plus die Statuen. Ganz schönes Gedrängel! Ich habe ja immer gedacht, im Himmel müsste es überfüllt sein, dann noch die vielen reservierten Plätze. , heißt es immer, wenn die Kollegen vom Rettungsdienst noch rechtzeitig kamen."
"Nein, den Himmel gibt es nun wahrhaftig nicht"
"Aber gemalte Himmel gibt es doch auch", sagte A14 , der sich seinen reservierten Platz nicht ausreden lassen wollte.
"Ja", sagte Evo, "aber Jeder denkt sich was anderes dabei."
Obwohl er heute frei hatte, fiel A14 sein Gott ein. "Was ist denn, wenn ich eine römische Götterstatue sehe? Gibt es dann den Gott? Wenn die falschen Engel die richtigen sind, müssten doch auch die falschen Götter die richtigen sein."
"Wenn Jemand die Statue sieht und nicht weiß, was es ist, gibt es nur die richtige Statue. Wenn Jemand weiß, dass es der Gott soundso ist, gibt es dann den richtigen Gott. Früher, bei den alten Römern, gab es die Götter so wie es heute die richtigen Engel gibt."
"Man muss also daran glauben? Wenn ich auf einem Bild einen Baum sehe, erkenne ich den doch auch, ohne gleich dran zu glauben".
"Das ist eben der Unterschied zwischen einem Engel und einem Baum", sagte Evo.
Nun mischte sich Maria, Evos Frau, ein: "Ihr redet ja wie die Kirchenväter im Mittelalter. Das könnt ihr endlos diskutieren, ohne zu einem Ende zu kommen. Evo und ich haben uns darüber fast schon gestritten. Im modernen Engelsdiskurs gibt es diese Fragen überhaupt nicht." Maria hatte im Nebenfach Philosophie studiert.
"Im was? Im Engels...". A14 stellte sich für einen Moment einen diskuswerfenden Engel vor.
"...Diskurs. So sagt man das heute. Das ist die Art, wie jemand über was spricht. Wer über Engel redet, führt einen Engelsdiskurs, wer über den Teufen redet einen Teufelsdiskurs usw.".
Nachdem er sich darüber eine Weile ausgelassen hatte, fragte A14 : "Dann führen wir ja jetzt einen Diskurs-Diskurs?"
"Einen was?"
"Einen Diskurs-Diskurs. Wer lange genug über Engel redet, führt einen Engeldiskurs, wer lang genug über Diskurs redet, führt einen Diskurs-Diskurs. Ist doch logisch"
Mario setzte zum Reden an, unterbrach sich dann selbst, schaute etwas ratlos in die Runde, und schließlich guckten sich alle Vier an und schwiegen. Dann bestellten sie eine Runde Schnaps. Sie stießen auf Mariannes Geburtstag an und tranken. Um das erneute Schweigen zu unterbrechen sagte Marianne : "Das mit den Engeln und dem Diskurs ist doch alles Blödsinn"
"Ja, aber immerhin richtiger Blödsinn", sagte Maria.
Am nächsten Tag im Dienst ging ihm das Gespräch von gestern durch den Kopf. Wenn gedachte plus gesehene Engel richtige Engel ausmachen, dann müsste es ja auch richtige Teufel geben. Von einer Teufelsausstellung hatte er zwar noch nichts gehört, aber Teufelsbilder gab es sicher, Bilder mit nackten und halbnackten Teufeln, mit und ohne Hörner, Ober- und Unterteufeln; welche mit scharfkantigen Flügeln hatte er mal gesehen,
Eine Frau rief im Revier an und fragte, ob jemand ihren Personalausweis als Fundgegenstand abgegeben habe. A14 guckte in die Kiste mit den Fundgegenständen. Schlüssel, ein Handy... Geigennoten eines Verlags "Breitkopf und Härtel" aus Leipzig. Auf dem Titelblatt war eine Art Wappenschild, das aber in der Mitte frei war für den Titel des Stücks. Oben schien aus einem Siegerkranz zwischen zwei Orgelhälften eine Sonne. Darunter hielten rechts und links zwischen allerlei Blumen und Ornamenten je ein Engel einen Lorbeerkranz hoch. Die Flügel waren etwas zu klein für die Kerlchen, eher Verzierung als wirkliche Fluggeräte. Statt des Unterleibes verloren sich die Körper dieser Engel in einem Filigrangebilde, das wie die Verzierung einer Harfe aussah. Wie bei Meerjungfrauen, dachte, A14 , die haben ja auch unten rum einen Fischbauch mit Schwanzflossen. Waren Engel überhaupt weiblich? "Hallo, sind Sie noch da?", fragte die Stimme am Telefon. "Ja, ja, ich bin noch da, ich war nur gerade ein bisschen weg", antwortete A14. Es gab doch einen Erzengel Gabriel, dachte A14, das musste ein Mann gewesen sein. Aber er hatte auch schon weibliche Engel gesehen. Wenn es aber weibliche und männliche Engel gab, müsste es doch auch so was wie ein engelhaftes Liebesleben geben. Das würde auch die vielen kleinen Engelchen mit ihren gestutzten Flügeln erklären, dachte A14. "Haben Sie jetzt meinen Perso oder nicht?", fragte die Frau. "Oh, ah... nein", sagte A14.
An der Nidda
Vor seiner nächsten Verabredung lief A14 noch etwas der Nase nach. An der Nidda setzte er sich auf eine Bank und besah sich die Leute. War das eben die Mutter von dem Kind oder nicht? Etwas zu jung war sie,- obwohl, warum eigentlich nicht? Aber die Art, wie sie dem Kind die Mütze gerade gesetzt hat, war eher unbekümmert-professionell, etwa so, wie eine Trainerin den sportlichen Nachwuchs fürs Spiel herausputzt. In ihrer Geste lag ein "Ich und du, wir haben gemeinsam was zu zun. Ich schiebe dich im Kinderwagen durch die Sonne, du strahlst die Leute an."
Eine große Schwester - etwa aus erster Ehe - wird’s wohl auch nicht gewesen sein. Die geben sich stellvertretend mütterlich, dazu mit einem Anflug von Verärgerung, weil sie eigentlich was ganz anderes vorhatten als das Geschwisterchen zu bewachen. Tantenhaft war die Geste auch nicht. Tanten sind ganz stolz auf ihre Neffen und Nichten und gucken, wie die Leute darauf regieren. Für Sonnenhütchen haben sie keinen Sinn.
War es eine au pair? Die Mutter des Kindes, Anfang dreißig, geht morgens in die Innenstadt, um sich vor einem Bildschirm zu verwirklichen, und die au pair spaziert in Heddernheim herum, nachdem sie der Steppe einer ehemaligen Sowjetrepublik oder der Ausweglosigkeit einer kolumbianischen Vorstadt entflohen ist. Vielleicht?
Im Hintergrund waren die Bankentürme von Frankfurt. Vielleicht saß dort die Mutter des Kindes und verdiente das Geld für die au pair,- Flüge, Krankenversicherung, eine unerwartete Zahnoperation, da kommt allerhand zusammen. Wieviel Leute passten eigentlich in so einen Turm? A14 erinnerte sich, dass es ein seltsames Gefühl war, zwischen diesen Türmen hindurchzugehen. Konnte man da überhaupt hoch? Als er dort war, war er gar nicht auf diese Idee gekommen. Einfach zur Tür reingehen und sagen. "Ich möchte da hoch. Darf man das? Und wie kommt man da hoch?" Die Türen waren ihm damals fast zu klein, eher nach Menschenmaß gebaut, vorgekommen im Verhältnis zu den unzähligen Fenstern, die sich Richtung Himmel verloren,.
Die Küsse der Tigerin
Am Rosenmontag regnete es. "Sieht schlecht aus für den Umzug morgen", sagte A14 zu einem Kollegen. "Nein, nein", meinte der so nebenhin, "beim Heddemer Umzug scheint immer die Sonne" . A14 zitierte den Wetterbericht "bewölkt und regnerisch", aber das ließ der Kollege nicht gelten. "Die denken wohl, sie könnten durch Zaubertänze die Sonne herauslocken", dachte A14 . Es regnete in der Nacht zum Faschingsdienstag und auch noch am Dienstag morgen. Es nieselte bis in den Mittag.
A14 war, da er reiten konnte, der berittenen Polizei zugeteilt, die an ein paar Stellen dem Zug zugeordnet war. "Da gibt Küsschen von den Frauen", hatten die Kollegen gesagt. Die Aufstellung der Wagen war kompliziert. Zwei Straßen lang waren Zahlen auf das Pflaster geschrieben, die den Wagennummern entsprachen. Aber mittendrin war ein Pferdegespann überzählig, das der Mann, der die Komposition des Zuges dirigierte, mit viel Mühe an der richtigen Stelle unterbrachte. Ein Kollege, mit dem zusammen er die Szene beobachtete, erzählte ihm, dass ein paar Jahre zuvor ein Besucher, der alle Umzüge abgeklappert hatte, seinen gestohlenen Anhänger als Gefährt einer Indianergruppe erkannt hatte, die Diebstahlsanzeige aus der Tasche zog und der Indianerhäuptling abgeführt werden musste.
Um 14,31 Uhr waren alle Horizonte schwarz. A14 zog vorsichtshalber seine Dienstmütze in die Stirn. Noch regnete es nicht. Beim ersten Fanfarenstoß eines Spielmannszuges kam sogar die Sonne raus. Vor dem Hintergrund des schwarzen Himmels über den Heddernheimer Vororten Kalbach, Frankfurt und Praunheim wirkten die Motivwagen besonders farbenprächtig. Die Sonne spielte mit den Federbüschen, den Haaren der Kinder und dem Silber der Pikkoloflöten.
Jeder Schuss aus der Konfettikanone wurde mit Geschrei beantwortet. Kinder fielen in Scharen über die Knollen her, die die Karnevalisten in die Menge warfen. A14 dachte an die Saarheimer Krawalle, wo die Leute sich mit Heu bewarfen. Die hier schossen wohl eher mit ihren Konfettikanonen über den Gartenzaun das Nachbarhaus sturmreif.
Eine Frau mit Tigerkostüm und eine Tigermaske winkte ihm mit spitzem Mund zu. Wollte sie ihm einen Kussgeben? Das machte bei ihm, zu Hause die Kartoffelkönigin mit dem Landrat. Er beugte sich im Sattel herab und sie küsste ihn. O lá lá, das war kein Küsschen, das war ein richtiger Kuss. Beinahe wäre er vom Pferd gefallen. Und das war auch keine Kartoffelkönigin, sondern eine Tigerin.
Nun kamen sie an dem Laden vorbei, in dem der Internetmensch ihm den Vortrag über die Unabhängigkeitserklärung Heddernheims gehalten hatte. Da stand er, in gelbem Gewand, auch auf einer Klappleiter und kommentierte per Mikrophon den Umzug. "Und hier kommt Gott Jokus", rief er gerade, "Ein donnerndes Klaa Paris hellau!" Gott Jokus? Nach dem fahndete er doch seit vergangenem Jahr! Hatte das etwa was zu tun mit der Pappfigur auf dem Wagen hinter ihm?
Als der Zug in der Nähe des Heddernheimer Bankenviertels einmal stand, sagte er vom Pferd herab zu einem Mann, der ordensgeschmückt am Straßenrand stand: "Na, mit dem Wetter habt Ihr aber Glück gehabt." "Glück?" sagte der Mann. "Nein, ich bin gestern mit meinem Regenschirm auf den Heddernheimer Friedhof gegangen und habe unsere Vorfahren bedroht, dass sie es nicht regnen lassen sollten." Als Antwort haben sie mit den Sargdeckeln geklappert wie die Versicherungsvertreter, was "ja" bedeuten sollte.
Kaum war der Zug vorbei, fing es wieder an zu regnen. Es regnete die Nacht. Und es regnete den ganzen Aschermittwoch durch,
Nachdem er abgesattelt und seinen Dienst beendet hatte, zog er noch einmal los. Das mit dem Gott ließ ihm keine Ruhe. Aus einem Gebäude kam Blasmusik und das ihm bekannte "Täta, tatä, tätä", mit dem die Kapelle markierte, dass gerade ein Witz gemacht worden war. Er betrat das Gebäude durch einen Hintereingang, um unerkannt zu bleiben. Nach einem schwach erleuchteten Gang kam er in einen merkwürdig hohen Raum, der auf einer Seite aus einer mit Stoff behangenen Wand bestand. Ein Mann im Faschingskostüm stand reglos da und guckte diese Wand an. Ab und zu guckte er zu ihm herüber, schüttelte den Kopf, räusperte sich und guckte wieder auf die Stoffwand. Schien hellhörig zu sein, das Gebäude, denn er hörte die Stimmen vieler Menschen, als ob die Wand nur aus dem Stoff bestünde. In der Mitte des sonst leeren Raumes stand das Standbild, vor dem er im Umzug geritten war, und davor sah er jetzt ein Schild "Gott Jokus". Es war ihm, als müssten sich seine Augen erst an die Figur und das Schild gewöhnen, denn jetzt hatte auch noch jemand ein viel zu helles Licht angemacht, das direkt auf die Figur gereichtet war. A14 begann zu zweifeln: Gab es den Gott, nach dem er so lange gefahndet hatte, vielleicht überhaupt nicht? Hatten deshalb die Kollegen so gegrinst, wenn er von seinem Fall sprach? Neulich hatte eine Kollegin ihm mit mitleidigem Gesicht etwas von ihrem Himbeertee angeboten, als er zur Fahndung ausrücken wollte. Gerade rückten sich in seinem Kopf die Zusammenhänge zurecht, als die Stoffwand sich in der Mitte teilte und den Blick auf einen Saal von Leuten freigab, die ihn alle anguckten. Er stand auf einer Bühne! Die Leute begannen zu murmeln, jemand lachte. Er machte einen vorsichtigen Schritt zurück und sprang mit drei Sätzen hinter das Standbild, das er beinahe umgestürzt hätte. Ihm brach der Schweiß aus. Der Gott hatte hinten eine Klappe, und als er noch überlegte, ob er sich dort hineinzwängen und am liebsten nie wieder herauskommen sollte, nahm ihn von hinten jemand an der Hand und zog ihn weg. Es war die Frau mit der Tiger-Maske. Sie zog ihn in einem Winkel voller Kostüme, und als die Musik gerade ein "ta-tä, ta-tä, ta-tä" spielte, gab sie ihm einen langen Kuss. Er fühlte, dass sie vor Schweiß glitschnass war und dass sein Hemd ihm am Rücken klebte. Ihm wurde eng, und das musste sie gemerkt haben. Wieder ging es "ta-tä, ta-tä, ta-tä". Er überlegte, ob er sagen sollte: "Das kommt vom heißen Kuss der Tigerin", da nahm sie die Maske ab. Es war Marianne. A14 freute sich wie das Nilpferd, als es, wochenlang zwischen Steppengazelle und Wüstenlöwe eingezwängt, endlich aus der Arche Noahs durfte und sich nach all der Enge einer universalen Schlammwüste gegenüber sah. "Und jetzt nix wie weg hier", sagte Marianne.
Am nächsten Tag, als er erwachte, schlief Marianne noch. Während er das Konfetti aus den Ritzen und Falten seiner Uniform entfernte, nahm er sich vor, nach Dienstschluss in das Büro mit der Website zu gehen und denen mitzuteilen, dass er Heddernheim von der Liste der Schurkenstaaten streichen werde. Als er dann in den Spiegel guckte, sah alles picobello aus. Er setzte seine Dienstmütze auf, und Konfetti rieselte auf ihn herab. Er lächelte. Er war glücklich. Sein Fall war gelöst.
Postskriptum:
"Nein, das verrate ich nicht!", sagte mein Bekannter, der mir die Diskette gegeben hatte. Ich hatte wissen wollen, wie seine Ideenfülle zu erklären sei. Sollte er vielleicht beichten, in welchen ungeeigneten Momenten ihm die besten Einfälle kommen? Glasklar und unabweisbar. Und wenn er sie nicht gleich aufschrieb, seien sie wieder weg. Er sitze z.B. in der U-Bahn, und plötzlich habe er den ersten Satz eines Artikels im Kopf. Ein schöner Anfangssatz! Wer den liest und nicht weiterliest, hat kein Herz im Leib. Er zücke Papier und Kugelschreiber, und Alle um ihn rum werden unruhig, weil sie denken, er sei ein Kontrolleur. Ideen beim Fahrradfahren schreibe er auf Kassenbons, wenn die Ampel rot sei. Grüne Ampeln können die besten Ideen abwürgen.
Oder er werkele im Garten, und auf einmal ist die Idee da. Eine treffende, an der man nicht lange herumschleifen muss. Er tue so, als merke er es überhaupt nicht, denn im Garten wolle er seine Ruhe haben. Daraufhin wird die Idee zu einem ganzen Ideengebäude, um das es wirklich schade wäre. Also kritzele er sie mit erdigen Händen auf einen Zeitungsrand.
Oder er sitze mit Freunden irgendwo in der Kneipe. Die Idee kommt, diesmal eine verschmitzte. Er notiere sie so unauffällig wie möglich auf einer Serviette. Das wirkt, als hätte ich ein Ventil geöffnet. Die Gedanken sprudeln, formen sich, wollen heraus. Er murmele eine Entschuldigung (welche, geht niemanden etwas an) und schreibe im Flur die Serviette voll.
Am besten und gefährlichsten seien die Einfälle unter der Dusche. Die sind frisch, verspielt, munter. Er suche, den Morgenrock auf der nassen Haut, nach einem Fetzen Papier. Da klingelt das Telefon. Es sei irgend ein ärgerlicher Kleinkram. Aber seine Idee sei weg. Er wisse nur noch, dass sie wirklich schön war, zierlich-elegant und etwas unseriös. "Vielleicht gibt es in einem Wassersportgeschäft Notizzeug für Taucher", sage ich. Das hängst du dir in die Duschkabine. Sieht ja keiner.
Aber ach, gestand er mir, wie viel ist schon verlorengegangen! Auch zu dem Roman über A14 gibt es glänzende Passagen, wirklich gelungene Einfälle, die nach dem Abtrocknen einfach weg waren und es nie zum gedruckten Papier schafften. Wie flüchtig ist doch manches Gute!
Detlef Dochtschneider

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